Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Wen wundert’s

Politik / 08.08.2019 • 07:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Berg hat eine Maus geboren. Der römische Dichter Horaz hatte diesen hübschen Spruch schon vor rund zweitausend Jahren in die Welt gesetzt, und mit dem Historikerbericht der österreichischen Freiheitlichen ist er aktueller denn je: Wen will die FPÖ mit diesem sinnlosen Produkt eigentlich hinters Licht führen? Die Welt? Österreich? Künftige Koalitionspartner? Sich selbst? Dies noch am ehesten. Den durch Ibiza und eine Reihe von unappetitlichen Kleinigkeiten antisemitischer und neonazistischer Art (namentlich den berüchtigten „Liederbuch-Skandal“, Auslöser für dieses tolle Projekt) vielleicht doch geringfügig verunsicherten FPÖ-Anhängern soll damit Beruhigung verschafft werden: Wir sind nicht so.

Dass die Welt, dass insbesondere Österreich auf diese Scharade hereinfällt, ist nicht sehr wahrscheinlich – wenn nämlich anerkannte Experten wie der Zeithistoriker Oliver Rathkolb und die auf Erinnerungskultur spezialisierte Heidemarie Uhl bereits den vorläufigen Rohbericht bzw. die Zusammenfassung als „wissenschaftlich bedenklich“, als „Rechtfertigungsstrategie“ – kurz als unprofessionell und linkisch aufgezogenen Versuch einer Reinwaschung dieser notorischen Partei qualifizieren, wird wohl kein ernsthaft denkender Mensch im In- und Ausland dieses Machwerk ernst nehmen. Völlig verfehlt war bereits die Auswahl der (a priori voreingenommenen, weil parteipolitisch eingebundenen) Autoren sowie die Ausgangsfrage: War die FPÖ eine Nachfolgepartei der NSDAP? Natürlich nicht. Hat auch nie jemand behauptet. Nur, dass sie eine Partei wie jede andere sei – und genau das will dieser Bericht offenbar beweisen – haut nicht hin. Ist sie nun eine „rechtspopulistische“ oder „rechtsextreme“ Partei? Im Grunde egal – denn sie ist beides. Nur eines ist sie bestimmt nicht: eine ganz normale Partei, die rechtschaffene Leute bedenkenlos und mit gutem Gewissen wählen können.

Nach der kommenden Wahl kommt wie das Amen im Gebet die Koalitionsbildung. Die FPÖ bzw. ihre Wähler haben sich den beispiellosen Ibiza-Skandal verblüffend rasch und großzügig selbst verziehen. Selbst Parteigenosse Strache scheint nicht besonders angeschlagen. Jungwähler finden ihn „urcool“ – mehr als zuvor. Soll der Historikerbericht diese Partei für künftige Koalitionspartner (ÖVP, SPÖ) appetitlicher, salonfähiger machen? Völlig egal. Da wird nur eines eine Rolle spielen: eiskaltes Machtkalkül. Erst komme das Fressen, dann die Moral, hatte schon Bertold Brecht illusionslos festgestellt. Die SPÖ dürfte sich die Sache wohlweislich sehr gut überlegen, aber Wahlsieger Kurz wird bedenkenlos auf die FPÖ zurückgreifen, wenn sich das unproblematischere Bündnis mit Grünen und Neos rechnerisch nicht ausgeht. Denn die FPÖ ist jetzt, nach Ibiza, noch billiger zu haben.