Sexueller Missbrauch

11.03.2019 • 17:34 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Wenn Dr. Haller in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch von „30 Prozent Fehlanzeigen“ und „falschen Erinnerungen“ spricht und damit meint, die betroffene Person habe sich etwas eingebildet oder übertrieben, verkennt er das Wesen von Traumatisierung. Aus der Traumaforschung wissen wir, dass ein sexueller Übergriff für die meisten Opfer dermaßen überwältigend ist, dass sie „dissoziieren“, das ist eine Art von Abschalten. Das heißt, ihr Gehirn gerät vorübergehend in einen Ausnahmezustand, sodass oft keine klaren Erinnerungen abrufbar sind. Die Mitteilung des Geschehenen passiert dann über diverse körperliche und seelische Symptome, und es bedarf oft einer langen, geduldigen therapeutischen Arbeit, bis Erinnerungen wieder zugänglich sind. Hallers „falsche Erinnerungen“ sind jene bruchstückhaften, oft seltsam widersprüchlichen Erinnerungsfetzen, die dann vor Gericht nicht halten. Das spielt den Tätern in die Hände, es spielt aber auch den Tätern in die Hände, wenn man pauschal von „30 Prozent Fehlanzeigen“ spricht.

Dr. Margit Türtscher-Drexel, Dornbirn