Notre-Dame de Paris

Leserbriefe / 03.05.2019 • 17:58 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Schön, dass das säkulare Frankreich einig hinter dem Wiederaufbau seiner Kathedrale steht. Vielleicht fördert dieser nationale Schulterschluss auch die Bereitschaft, dass Schulklassen sie tatsächlich besuchen dürfen. Das hätte mein französischer Lehrerkollege zwar rechtlich dürfen, aber angesichts wütender Proteste aus der Elternschaft riet ihm sein Schulrat vom Plan ab und bot ihm die freiwillige Versetzung an. Auch wenn die Einebnung von Kirchtürmen der Französischen Revolution längst Geschichte ist, darf die Grande Nation in ihrem Religionsverständnis als reiner Privatsache noch nachbessern. Das Beispiel zeigt, dass dogmatischer Säkularismus nicht nur rigide Religionsneutralität ist, sondern konkreten Ansatz zu unverhohlener und hysterischer Feindseligkeit einräumt. Frankreich als Wiege der Aufklärung gilt als Vorbild für diverse Staaten. Nicht wenige Zeitgenossen sehen „aufgeklärten“ Laizismus fälschlicherweise als Bestandteil der viel­zitierten europäischen Werte an. Die Philosophie der Aufklärung darf in mehrerlei Hinsicht hinterfragt werden. Die grenzenlose Naivität eines Rousseau hinsichtlich menschlicher Vernunft, angeborener Gleichartigkeit und Gutheit oder blindes Vertrauen in einen „allgemeinen Willen“ hat viel Unheil angerichtet. Nicht zu Unrecht forderte Kardinal Schönborn eine „Aufklärung von der Aufklärung“. Wenn man am Lack der aufgeklärten Toleranz so mancher „Vernunftmenschen“ ein bisschen kratzt, bekommt man oft verblüffend radikale Standpunkte serviert. Man kann eben alle Duldsamkeit auf die eigene Wahrheit beschränken.

Gerald Grahammer, Lustenau