Hexenhammer

05.06.2019 • 16:41 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Wie das geschichtliche Schauderthema der Hexenverfolgung selbst in der Fachwelt zu Fehldeutungen führt, belegt der Bludenzer Historiker Manfred Tschaikner („Thema Vorarlberg“ vom 1. Juni 2019). Das gilt erst recht im Allgemeinverständnis, wo es sich herrlich grobschlächtig als Hammer auf die Kirche von heute herabdröhnen lässt. Nun stammt der „Hexenhammer“ – eine makabre Anleitung für Hexenprozesse – tatsächlich von einem Dominikanermönch, wurde jedoch vom Papst nie anerkannt. Nachdem sie jahrhundertelang gegen magischen Volksglauben als Götzendienst angekämpft hatte, verknüpfte die Kirche im 15. Jahrhundert Hexerei mit Ketzerei. Die Päpste, erst recht Luther und Calvin, glaubten nun an Teufelsbuhlschaften, verhinderten aber durch Einschränkungen, dass in ihrem italienischen Einflussgebiet eine Massenpsychose entstand wie im katholisch-evangelischen Mitteleuropa. Die Vorgaben von Kirche und Staat bremsten insgesamt den Wahnsinn des abergläubischen Volkes, von dem die Haupttriebkraft ausging. Erzkatholische Länder wie Irland, Portugal oder sogar Spanien blieben verschont. „Statt sich in moralisierender Überheblichkeit mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, ist es sinnvoller, vor den Türen der eigenen Zeit zu kehren“, resümiert Tschaikner die historische Instrumentalisierung. Es wäre unhistorisch und vereinfachend, die 40.000 bis 60.000 hingerichteten Hexen und Zauberer gegen die Abermillionen Säuberungsopfer des ideologischen neuzeitlichen Aberglaubens „aufzurechnen“. Dass grauenhafte Verirrungen auch in naturwissenschaftlich fortgeschrittenen, aufgeklärten Zeiten wüten, ist jedoch bemerkenswert.

Gerald Grahammer,

Lustenau