Der Mann, der sich zum Priester machte

Leserbriefe / 20.11.2020 • 16:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Mann, der sich zum Priester machte

Ein Film macht Furore: „Corpus Christi“, ein grandioses Drama um Schuld, Moral und Spiritualität. Er wurde vielfach ausgezeichnet und für den Oscar nominiert. Der polnische Regisseur Jan Komasa greift eine wahre Geschichte auf und macht daraus eine einfühlsame, aber auch beklemmende und humorvolle Charakterstudie.

Der 20-Jährige Daniel hat jede Menge Straftaten auf dem Kerbholz und sitzt deshalb im Knast. Dort lernt er den Gefängnisseelsorger kennen. Er ist von ihm begeistert. „Ihr seid alle Priester Jesu“, hört er ihn in einer Predigt zu den Häftlingen sagen und vertritt damit die Vorstellung des allgemeinen Priestertums aller Getauften. Als polnischer Katholik konnte er nicht wissen, dass Martin Luther schon vor geraumer Zeit in diese Richtung gesprochen hat: „Wer aus der Taufe gekrochen ist, der kann sich rühmen, dass er schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht ist.“ Er fügt jedoch hinzu: „Obwohl es nicht einem jeglichen ziemt, solch Amt auszuüben.“

Daniel hilft dem Pfarrer bei den Gottesdiensten, singt Psalmen mit inbrünstiger Stimme und wirkt dabei wie ein Engel mit gestutzten Flügeln. Bald verspürt er den Drang, selbst Priester zu werden, aber als Krimineller ist ihm dieser Berufswunsch verwehrt. Nach seiner Entlassung aus der Haftanstalt wird er in ein kleines Dorf geschickt und soll dort in einem Sägewerk arbeiten. Doch er hat seinen eigenen Kopf. Er besucht die Dorfkirche und beschließt kurzerhand, sich als Priester auszugeben. Dann bietet er sich an, den erkrankten Ortspfarrer zu vertreten.

Ein unkonventioneller Seelsorger

Zunächst irritiert, dann aber zunehmend vertrauensvoll akzeptiert die Gemeinde ihn als jungen Geistlichen. Statt allen die Wahrheit zu sagen, fügt er sich in seine neue Rolle. Und er hat Erfolg, indem er vieles, was er beim Gefängnisseelsorger gesehen und gehört hat übernimmt und sich zu eigen macht. In seinen Predigten offenbart er seine eigenen Zweifel und Ängste. Seine Botschaft: Es kommt nicht darauf an, woher man kommt, sondern wohin man geht. Er begeistert und inspiriert die Kirchgänger mit seinen Worten, die so viel offener und ehrlicher sind als alles, was sie zuvor gehört haben. Vor allem sein unkonventionelles, natürliches Zugehen auf die Menschen wirkt überzeugend. Immer wieder kommt es zu Situationen, in denen der Schwindel aufzufliegen droht, aber es gelingt ihm, sich der Enttarnung zu entziehen. Eines stellt sich schnell heraus: Von den Sakramenten, der lateinischen Liturgie und der Bibel hat er wenig Ahnung, umso mehr von den Alltagsproblemen der Dorfbewohner. Und vor allem von Schuld.

Bei seiner ersten Messe muss er improvisieren, weil ihm die richtigen Worte fehlen. Er erklärt, auch Stille könne ein Gebet sein. Seine erste Bewährungsprobe im Beichtstuhl besteht er mit Bravur. Der besorgten Mutter, die ihr Kind beim Rauchen erwischt und geschlagen hat, empfiehlt er, ihm stärkere Zigaretten zu besorgen, damit ihm die Lust am Rauchen vergeht. Und dann schaut er noch auf sein Smartphone und findet die passenden Segensworte.

Erste Schritte zur Versöhnung

Langsam und gegen viele Widerstände gelingt es ihm, die Erstarrung zu lösen, in die das Dorf nach einem tragischen Verkehrsunfall, bei dem sechs Jugendliche ums Leben gekommen sind, verfallen ist. Dem Todeslenker verweigert die Gemeinde das Begräbnis. Der falsche Priester versucht nun die Wut der Bevölkerung zu bändigen und durch gute Taten auch gleich seine eigenen Sünden auszulöschen. Er hält dies für einen schwierigen, aber notwendigen Schritt im Prozess der Versöhnung.

Daniel löst die spirituelle Lähmung zunächst mit einer Art Urschrei-Therapie, dann mit einer beinahe blasphemischen Predigt: Gott sei grausam, man habe das Recht, zutiefst wütend auf ihn zu sein. Aber dann möge man ihn darum bitten, dass er einem helfe, das Geschehene hinzunehmen. Damit zeigt er ihnen einen Weg aus Hass, Wut und Trauer.

Der Film hat kein Happy End. Daniel fällt wieder in seine alten Muster von Gewalt und Zügellosigkeit zurück. Die Erlösung, die er andern vermittelt hat, bleibt ihm selbst verwehrt. Er hat gewagt, zu leben, was er sein wollte. Er ist letztlich daran gescheitert und wurde doch zum Segen für andere.

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