Putins Stachel

Leserbriefe / 28.01.2022 • 17:55 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Es ist sonderbar, wie viele Stimmen sich im Sinne einer Aggressor-Verteidiger-Umkehr für Putin erheben. Ebenso erstaunlich, dass diese Kreml-Versteher zu Sowjetzeiten eher von links, heute von rechts kommen. Dabei hat Putin gar keine Ideologie, außer jene der blanken Macht. Als starker Mann, der keine langen Faxen macht und sich in rein strategischer Anlehnung an die Orthodoxie scheinbar gegen westlichen Werteverfall stemmt, punktet er bei Leichtgläubigen. Russland ist es propagandistisch weithin gelungen, seine ländermäßige Siegesbeute des 2. Weltkriegs als sein ihm politisch zustehendes Einflussgebiet zu verankern. Die NATO und Russland grenzten immer schon direkt aneinander, und jeder wusste vom anderen, wo und mit welchen Waffen er aufgerüstet hatte und präsent war.

Die Kubakrise von 1962 war ein das Gleichgewicht eklatant verschiebendes Bedrohungsszenarium, das für Putins Rückeroberungsgelüste nicht herhalten kann. Allein die Tatsache der hoffnungslosen militärischen Unterlegenheit der Ukraine – woran 5000 deutsche Stahlhelme und selbst amerikanische Waffenlieferungen nichts ändern – macht klar, wer der Verteidiger ist. Putin fürchtet aber realistisch um seinen Einfluss und um die Attraktivität, die eine zusehends westlich orientierte Ukraine auf sein eigenes Volk ausübt. Mit dem bestehenden Abspaltungs-Besetzungs-Zustand in der Ostukraine hat er einen ständigen Stachel im Fleisch seines Nachbarlandes, wahrscheinlich idealer als ein Einmarsch mit seinen Folgen.

Gerald Grahammer, Lustenau

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