Menscheleien und andere Eitelkeiten

Leserbriefe / 20.01.2023 • 17:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Ja ja, es ist offensichtlich urmenschlich: Besserwisserei, Vorurteile, Eitelkeiten, Angst, persönlich nicht von anderen genügend ernst genommen zu werden usw. Also, diese Liste von Aufzählungen könnte unter Umständen unendlich lange werden. Im Grunde genommen ist niemand vor solchen Vorgängen gefeit. Wenn uns, dir und mir, das klar ist, stellt sich die Frage, wie wir mit diesen, in uns schlummernden Sachen umgehen? Ein kurzer Blick in die Ereignisse der letzten Woche zeigt es auf, wie manche mit ihrer persönlichen Eitelkeit Gewinne für sich selbst (?) machen und der Sache kaum dienlich sind. Da ist nicht bloß das englische Königshaus um Prinz Harry gemeint. Nein, selbst in Vatikanischen Kreisen sind Eitelkeiten und die Angst, zu wenig respektiert zu werden, offensichtlich vorhanden. Dabei geht es im Grunde gar nicht darum, die gesunde, frohmachende Botschaft Jesu in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die eigenen (urmenschlichen?) Bedürfnisse. Um dem zu genügen bzw. nachzukommen, werden Bücher geschrieben, teils mit „pikanten“ Stellen, um den Absatz des Geschriebenen voranzutreiben. Und der jeweilige Schreiber kann gewiss sein: Neugierige und sensationslüsterne Zeitgenossen finden sich sehr schnell! Das eigene Leben ist ja so eintönig und fad geworden; ein bisschen „Pep“ kann da nicht schaden, zumal der/die Schreiber es nicht ertragen, in die Bedeutungslosigkeit einer Eintagsfliege zu verfallen.

Das gab es immer schon …

Wer von euch zufällig am vergangenen Sonntag oder gar noch diesen Sonntag einen Gottesdienst besucht, wird mit einem kurzen Bericht (Lesung) des Apostels Paulus belohnt, der über die Zustände der christlichen Gemeinde in Korinth (Griechenland) berichtet. Streitereien, Besserwisserei, Vorurteile gegenüber anderen usw. waren an der Tagesordnung. Man höre und staune: dies war (damals) selbst in den Gottesdiensten so! Kirchen, wie wir es heute gewohnt sind, gab es damals noch nicht; auch keine Gesangsbücher, Messbücher oder sonst irgendetwas in dieser Richtung. Die Menschen trafen sich in den größeren Räumen, erzählten einander von Jesus Christus, beteten und sangen gemeinsam, diskutieren miteinander über diese Botschaft des Mannes aus Nazareth. Und es war dann auch so, dass es „Redner/Rednerinnen“ gab, die nicht aufhören konnten, andere nicht zu Wort kommen ließen, andere Meinungen und Erfahrungen nicht gelten ließen usw. Da es aber auch damals üblich war, gemeinsam während des Gottesdienstes Brot und Wein zu teilen (kommt uns irgendwie bekannt vor, nehme ich an), wurden aber unliebsame Gottesdienstteilnehmer übergangen (Arme, Sklaven etc). Ein „Wir sind besser als ihr“-Denken herrschte vor. Deshalb habt ihr nichts zu sagen, ihr, mit eurer Lebensweise usw.

Das erregt Paulus zutiefst

„Seid ihr total verrückt oder von allen guten Geistern verlassen? Ihr alle redet zwar von Jesus Christus, aber handelt nicht danach! Mehr noch: ihr schließt andere aus, obwohl diese auch Kinder dieses einen liebenden Gottes sind und lasst sie keineswegs gelten. Mehr noch: alles Böse dichtet ihr anderen an, um selbst besser dazustehen!“

Du und ich

sind geprägt von vielen urmenschlichen Bedürfnissen: ernst genommen zu werden, wertvoll zu sein (für jemanden, für eine Aufgabe), gemocht zu werden, versöhnt zu leben, nicht durch Vorurteile durch andere bestimmt zu sein usw. Wie heißt es da im „Hauptgebot“ der Bibel: Liebe deinen Nächsten, denn er fühlt wie Du! Möge uns dies ein stückweit gelingen, ohne dass andere durch unsere persönlichen Eitelkeiten Schaden erleiden. Schönen und gesegneten Sonntag wünsche ich euch!

Roland Trentinaglia, Pfarrer in Hohenweiler, Hörbranz und Möggers
Roland Trentinaglia, Pfarrer in Hohenweiler, Hörbranz und Möggers

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