Leserbrief: Zuhören reicht nicht

Leserbriefe / 08.06.2026 • 13:45 Uhr
Leserbrief: Zuhören reicht nicht

Zum Bericht “Lehrerin klagt: Immer mehr Eltern drohen mit Anwälten”

Mit Interesse habe ich den Bericht über die Lehrerin Carina Eberhard gelesen. Noch interessanter waren allerdings die Kommentare darunter. Dort wurde wieder einmal erklärt, warum Lehrerinnen und Lehrer selbst schuld an ihren Problemen seien, ohnehin zu wenig arbeiten und beneidenswert lange Ferien haben. Nach über vier Jahrzehnten im Schuldienst und einem Jahr in Pension erlaube ich mir die Bemerkung: Die Realität sieht anders aus. Wer den Lehrberuf auf Unterricht und Ferien reduziert, kennt Schule meist nur aus der eigenen, oft Jahrzehnte zurückliegenden Schülerperspektive. Was deutlich zugenommen hat, sind Verhaltensauffälligkeiten, administrative Aufgaben, Konflikte mit Eltern und die Erwartung, dass Schule immer mehr gesellschaftliche Probleme lösen soll. Besonders nachdenklich stimmt mich der kürzlich in der “Presse” geschilderte Fall eines Wiener Lehrers. Wer Missstände öffentlich anspricht, soll sich künftig offenbar nur mehr nach Absprache mit der Bildungsdirektion äußern dürfen. Das wirft Fragen auf. Carina Eberhard hat Mut bewiesen. Sie spricht aus, was viele Kolleginnen und Kollegen seit Jahren erleben. Von der Bildungsdirektion wünsche ich mir, dass sie den Erfahrungen der Lehrkräfte nicht nur zuhört, sondern handelt. Die Probleme sind längst bekannt – sie sollten nicht verwaltet, sondern gelöst werden.

Sibylle Fröwis, Lustenau