„Mit Funkchips an die Börse“

Markt / 02.11.2012 • 20:05 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Dkfm. Martin Zumtobel Foto: VN/Steurer
Dkfm. Martin Zumtobel Foto: VN/Steurer

Ein Vollblutunternehmer, internationaler Netzwerker und „Beinahe-Politiker“: Martin Zumtobel hat schon mehrere Unternehmen erfolgreich geführt, verkauft und wieder gegründet. Jetzt hebt er mit seiner IDENTEC GROUP AG zum großen Wachstumssprung an.

Lange Zeit waren Sie medienscheu und man hat nichts von Ihnen gehört. Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, um wieder einmal an die Öffentlichkeit zu treten?

Wir haben mit unserer RFID-Technologie ein Produkt entwickelt, das bereits weltweit im Einsatz ist und ein sehr großes Wachstum verspricht. Und das muss finanziert werden. Deshalb hat die IDENTEC GROUP AG jetzt eine Unternehmensanleihe platziert – eine Eigenemission mit 25 Millionen Euro Volumen, einem Coupon von 7,5 Prozent und einem Bonus von 5 Prozent pro Jahr.

Wer steckt hinter der IDENTEC GROUP AG?

Wir sind eine Industrie-Holding, bestehend aus neun spezialisierten Unternehmen im Radio-Frequency-Identification-Bereich (RFID). Unsere Philosophie ist es, die einzelnen Unternehmen in Europa und den USA näher zusammenzuführen, ihre Synergien zu maximieren und dadurch mit unseren Lösungssystemen stärker in die Märkte vorzudringen. In unseren Firmen arbeiten weltweit 275 hoch spezialisierte Menschen, 60 davon in Lustenau.

Warum sollte man Ihre Anleihe kaufen?

Vergangenes Jahr sind wir um 30 Prozent gewachsen und gehen davon aus, dass das Wachstum in Zukunft weiter zunehmen wird. Die RFID-Technologie hat viele Bereiche in der Wirtschaft revolutioniert und wird in den unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt. Funkchips werden in Fitnessstudios genauso wie auf Ölplattformen oder bei Getränkeflaschen in weltweiten Hotelketten eingesetzt. Das ist aber erst der Anfang – es werden noch sensationelle Lösungs­innovationen auf uns zukommen. Die Verzinsung ist sehr gut und wir sind davon überzeugt, dass wir die Anleihe nach fünf Jahren zur Gänze aus dem Ertrag des Unternehmens tilgen können.

Wenn sich die Anleihe so entwickelt, wie Sie sich das vorstellen, wo sehen Sie die IDENTEC GROUP AG in zwei Jahren?

Dieses Jahr werden wir einen Umsatz von 50 bis 55 Millionen Euro erzielen. In zwei Jahren wollen wir mindestens eine Verdoppelung erreichen, also einen Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro. Wir planen auch ein „Initial Public Offering“ und wollen an die asiatischen Börsen. Hongkong oder Singapur sind dafür interessant.

Was kann die RFID-Technologie?

Der große Vorteil zu anderen Systemen ist, dass sich unsere RFID-Chips drei bis vier Jahre mit der Energie aus der eigenen Batterie versorgen können. Das weitet das Anwendungsgebiet enorm aus und der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. RFID-Systeme können Objekte oder Menschen bis zu einer Distanz von 500 Metern lokalisieren und identifizieren. Zusätzlich gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, die Funktionen des Chips zu erweitern: Mittels gewisser Sensoren können Temperatur, Schock und Erschütterung, Feuchtigkeit sowie der Inhalt von Flaschen gemessen und gespeichert werden. Eine der Hauptanwendungen ist zum Beispiel, dass Arbeiter auf Ölplattformen lokalisiert und gleichzeitig identifiziert werden können.

Also totale Überwachung?

Nein, totale Sicherheit. So kann man bei Problemen, Unfällen und Evakuierungen vollautomatisch feststellen, ob sich noch Personen auf einer Ölplattform befinden, und wenn ja, wer. RFID-Chips werden auch in Minen und im Tunnelbau immer häufiger als Sicherheitstool eingesetzt – auch hier in Vorarlberg beim Bau der zweiten Pfänderröhre waren unsere RFID-Systeme in Gebrauch.

Wie finden Sie immer wieder neue RFID-Anwendungsgebiete und -lösungen?

Das System mit den Basisfunktionen ist bekannt. Jetzt geht es nicht mehr darum, neue Dinge zu erfinden, sondern bestehende zu verbreiten. Früher haben wir Anwendungen gesucht und versucht, diese zu lancieren. Das ist aber extrem schwierig. Heute kommen die Kunden mit ihren Problemen zu uns. Sie schildern uns, was sie brauchen, und wir entwickeln dafür eine Lösung. Das ist die einzige Möglichkeit, ein gutes Geschäft zu machen.

Welche Neuheit gibt es derzeit gerade im RFID-Markt?

Seit einem Jahr findet die drahtlose Echtzeitüberwachung mittels RFID-Tags Einsatz im Bergbau. Baggerschaufeln verlieren oft ihre Zähne. Kommen diese in die Brechermühle, kann es zu schwerwiegenden Problemen und Schäden kommen. Diese zu reparieren ist extrem teuer. Um dies zu vermeiden, werden die Stahlzähne der Baggerschaufeln mit RFID-Chips ausgestattet. Sobald ein Zahn abbricht, wird automatisch ein Alarm ausgelöst und der Zahn kann lokalisiert und entfernt werden. Bisher haben wir drei Minen mit insgesamt 25.000 Tags in Australien und Lateinamerika ausgestattet. Die ersten Zähne wurden bereits gefunden und unsere Kunden sind begeistert. Das Marktpotential für die Ortung von Baggerzähnen bedeutet bei einem Verschleiß von fünf Millionen pro Jahr rund 500 Millionen Euro für die IDENTEC GROUP AG.

Ihre Karriere haben Sie in der Lebensmittelbranche mit der Gründung des Lebensmittelmarkts FAMILIA gestartet. Wie kommt ein Lebensmittelhändler zur RFID-Technologie?

Die GANTNER Electronics in Schruns mit dem Unternehmensgründer Willi Gantner ist die Urzelle der heutigen IDENTEC GROUP AG. Er ist ein guter Freund von mir, und ich hatte immer schon ein großes Interesse für Technologie. Willi Gantner war ein „Maßschneider“ und hat Systeme entwickelt, mit denen über Funk Objekte lokalisiert und identifiziert werden können. Gemeinsam haben wir dann begonnen, seine Produkte vervielfältigbar zu machen. Dadurch ist die IDENTEC Solutions AG entstanden und schließlich die IDENTEC GROUP AG. Heute verkaufen wir die Ursprungsprodukte in Serie und wollen damit weiter in die unterschiedlichsten Branchen und Märkte vordringen.

Als Unternehmer haben Sie bereits viele Vorhaben erfolgreich realisiert und könnten sich mit gutem Gewissen zurücklehnen. Was treibt Sie an, noch einmal voll durchzustarten?

Es ist spannend, zu sehen, wie sich Dinge mit der modernen Technologie entwickeln, und es fasziniert mich, wie sich die Menschen für unsere Technologie begeistern und damit zahlreiche Abläufe und Prozesse im Alltag um ein Vielfaches vereinfachen. Unsere hoch qualifizierten Mitarbeiter setzen sich mit dieser zukunftsträchtigen Technologie so intensiv auseinander, dass sie immer wieder neue, innovative Lösungen für die speziellen Anforderungen unserer Kunden realisieren. Genau das macht mir Spaß und gibt mir immer wieder Antriebskraft.

Welche Eigenschaften braucht ein Unternehmer wie Sie, der sich immer wieder erfolgreich für Neues begeistert?

Mein Vater hat mir zwei Dinge mitgegeben, die ich voll und ganz lebe: „Nid lugg lo“ und „It is never too late“. Ein Unternehmer muss immer wieder bereit sein, schneller aufzustehen, wenn er hingefallen ist, als es ein anderer tut, und er muss immer in die Zukunft blicken und sich überlegen, was er das nächste Mal besser machen könnte. Fehler sind nämlich nur dann Fehler, wenn man zweimal das Gleiche falsch macht. Einmal daneben zu greifen, das kann jedem passieren.

1992 haben Sie die Wirtschaftspartei WIP gegründet und waren auch als Präsidentschaftskandidat im Gespräch. Was ist aus Ihrer Leidenschaft für die Politik geworden?

Politik ist für mich keine Option mehr. Und zu meinem politisierenden Unternehmerkollegen sage ich besser nichts.

Danke für das Gespräch.

Fehler sind nur dann Fehler, wenn man zweimal das Gleiche falsch macht. Einmal daneben greifen, das kann jedem passieren.

Dkfm. Martin Zumtobel

wohnhaft in Dornbirn und Wien

Geboren: 14. März 1947, Dornbirn

Familie: verheiratet, 3 Kinder

Ausbildung: Matura Realschule Dornbirn; Hochschule für Welthandel (Abschluss: Diplomkaufmann); Post Graduate Study, Europäisches Institut für Unternehmensführung (INSEAD) Fontainebleau, Paris, Abschluss MBA; Studienaufenthalte in Deutschland, Großbritannien und Frankreich

Karriere: 1971 Vertriebschef im Familienbetrieb F.M. ZUMTOBEL, Dornbirn; 1975 Eröffnung erster FAMILIA Verbrauchermarkt; 1981 Übernahme der Geschäftsführung und Gesellschaftermehrheit; 1982 Beginn der Expansion außerhalb Vorarlbergs; 1988 Übernahme von 100 % der Gesellschaftsanteile der F.M. ZUMTOBEL Gruppe; 1993 Verkauf von FAMILIA an Migros Schweiz; 2000 Gründung der IDENTEC GROUP AG

Unternehmensgeschichte: 1862 gründet Franz Martin Zumtobel die F.M. Zumtobel Wachszieherei und eröffnet 1898 ein Gemischtwarengeschäft; Sohn Otto nimmt als Pionier österreichischer Kaffeekultur die erste handbetriebene Kaffeerösterei in Betrieb und errichtet ein Transitlager in Triest für Gewürze, Kaffee und Kolonialwaren; 1956 gründet Dr. Martin Zumtobel, Ottos Sohn, die Großhandelsorganisation A&O; 1971 tritt sein Sohn, Dkfm. Martin Zumtobel, in das Unternehmen ein und eröffnet 1975 den ersten FAMILIA-Lebensmittelmarkt

IDENTEC GROUP AG: Die IDENTEC GROUP AG vereint acht spezialisierte, teils marktführende Unternehmen unter einem Dach (www.identecgroup.com); Unternehmenssitz: Eschen in Liechtenstein; Umsatz 2010: 35,2 Mill. Euro; Umsatz 2011: 44,1 Mill. Euro; Mitarbeiterstand 2011: 275 weltweit, davon ca. 150 in Österreich; 2000 Kunden in 16 verschiedenen Branchen

Engagements: Obmann Verein Lotsendienst – Rettet das Kind