„Mit der ganzen Welt unter einer Decke“

Markt / 16.11.2012 • 18:36 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Ulrike Hefel Foto: VN/Hartinger
Ulrike Hefel Foto: VN/Hartinger

Sie verkauft keine Bettwäsche, sondern „Wellness für den Schlaf“. Ulrike Hefel, Ko-Geschäftsführerin des Familienunternehmens HEFEL Textil geht neue Wege, um Textilien „Made in Austria“ international auf den Markt zu bringen.

HEFEL Textil ist seit 105 Jahren ein erfolgreiches Familienunternehmen, jetzt neu mit einer Frau-Mann-Geschäftsführung. Sind gemischte Teams an der Spitze ein Garant für den Erfolg?

Ja, davon bin ich überzeugt. Und ich begreife nicht, warum Männer nach wie vor in Führungspositionen und Aufsichtsräten dominieren, sie stets wieder auf ihre männlichen Netzwerke zurückgreifen und die Potenziale der Frauen nicht nutzen. Es kommt mir so vor, als kennen die Männer zwar das facettenreiche Farbfernsehen, schauen aber selber immer noch lieber schwarz-weiß. Es sollte so sein, dass die Fähigkeiten beider Geschlechter bestmöglich zusammengeführt werden. So wie mein Cousin Dietmar Hefel und ich. Wir ergänzen uns mit unseren Fähigkeiten und Interessen optimal.

Nur wenige Frauen besetzen Führungspositionen. Warum glauben Sie, ist das so?

Frauen meinen immer noch, sie müssen beweisen, dass sie gleich gut sind und alles gleich gut können wie Männer. Das stimmt nicht. Mein Appell an die Frauen: Wir müssen unsere Bescheidenheit im Berufsleben ablegen und offen zeigen, was wir können. In dieser Hinsicht können wir noch viel von unseren männlichen Kollegen lernen. Wir müssen unsere Leistungen transparent darstellen und sinnvoll einsetzen.

Wie sieht die Aufgabenteilung in der Geschäftsführung bei HEFEL Textil aus?

Bei uns ist mein Cousin im Verkauf für den Heimmarkt Österreich verantwortlich und ich, weil ich mich auf Sprachen konzentriere und schon viel im Ausland war, für die Auslandsmärkte – also quasi für den Rest der Welt. Und das klappt hervorragend. Selbstverständlich werden wir dabei von unserem kompetenten Verkaufs­team bestens unterstützt.

Der Rest der Welt – das klingt nach einer großen Aufgabe. Wie schaffen Sie es, alle diese Länder unter einen Hut zu bringen?

Reisebereitschaft und der persönliche Kontakt zu Kunden sind sehr wichtig, vor allem in den osteuropäischen Ländern. Man kann die Auslandsmärkte nicht vom Schreibtisch aus betreuen, sondern muss die Länder persönlich bereisen und die Kontakte pflegen. Man muss vor Ort sein. Vor zwei Jahren habe ich begonnen in Abendstunden Russisch zu lernen, denn Russland ist inzwischen unser viertgrößter Markt, den wir noch weiter erschließen möchten. Selbst wenn das Sprachniveau nur auf Small-Talk-Ebene klappt, es kommt bei den Kunden sehr gut an. Sie wollen nämlich nicht nur das Produkt, sondern auch die Emotion, die Tradition und die Menschen hinter dem Produkt und der Marke kennenlernen. Sie wollen Beziehungen aufbauen.

Lange haben Preis und Billigwaren die Märkte und somit Erfolge reguliert. Bekommen Beziehungen und menschliche Werte eine wachsende Bedeutung?

Ja, das stelle ich mehr und mehr fest und schätze es sehr. Speziell in Osteuropa spielen Beziehungen und Sympathiewerte eine extrem wichtige Rolle. Der Preis ist nicht mehr der einzige ausschlaggebende Faktor für einen Kauf. Es ist das Persönliche. Der Vorteil der entstehenden Partnerschaften und Freundschaften ist, dass die Kunden sehr loyal sind und nicht gleich zu Mitbewerbern wechseln, wenn diese einen Euro billiger anbieten.

Warum hat gerade der russische Markt ein so großes Potenzial im Premium-Bettwäsche-Segment?

Die Russen haben ein großes Faible für Luxusprodukte. Im vergangenen Jahr konnten wir eine Umsatzsteigerung von über 130 Prozent zum Vorjahr erzielen. Russen lieben europäische Produkte, besonders aus Österreich, weil die Qualität so hoch ist. Einer unserer wichtigsten Erfolgsfaktoren ist, dass wir das einzige vollstufig produzierende Bettwarenunternehmen weltweit sind. Unsere Produkte sind alle „Made in Austria“ – von A bis Z.

Auch unsere Skirennläufer schwören auf HEFEL-Produkte. Seit 2011 ist HEFEL Textil enger Partner des ÖSV und entwickelt gemeinsam mit Spitzensportlern neue Produktlinien für verbesserten Schlafkomfort. Was kann man sich unter „besser schlafen“ aus sportlicher Sicht vorstellen?

Unser Skiteam ist etwa 200 Tage im Jahr unterwegs und für Spitzensportler ist das Training am Tag genauso wichtig, wie die Regeneration in der Nacht. Ganz nach dem Motto: „Höchstleistung braucht Tiefschlaf“. Denn was viele nicht wissen, wenn man am Tag trainiert – ob Spitzensport oder Hobbysport – der Muskelaufbau findet in der Nacht statt. Deshalb ist nichts wichtiger als ein ausgeglichener und gesunder Schlaf – auch unterwegs. Gemeinsam mit den Skistars, Trainern und Therapeuten ist es uns gelungen, ein neues Programm zu entwickeln, das genau auf die Bedürfnisse der Sportler ausgerichtet ist.

Die Bettwäsche gehört zum Reisegepäck der Sportler?

Genau das, denn die Unterkünfte sind nicht überall gleich gut, teilweise nächtigen die Athleten sogar im Tourbus. Ein italienisches Sprichwort besagt: „Das Bett ist Medizin.“ Insofern verstehen wir unsere textilen Produkte als „nächtliches Kurzentrum“, für zu Hause und für unterwegs. Etwa ein Drittel des Lebens verbringt ein Mensch durchschnittlich im Bett. Und die optimale Regeneration des Körpers findet im Schlaf statt.

Mit innovativen Schlaflösungen und luxuriösem Komfort gelingt es HEFEL Textil immer wieder, den Bettwäsche- und Bettwaren-Sektor zu revolutionieren. Was kann man im „Bed and Sleep“-Bereich noch alles neu erfinden?

Die neue „Wunderfaser“ heißt MicroTencel. Eine rein pflanzliche Faser aus Holz, die von dem österreichischen Konzern Lenzing hergestellt wird und sogar für Allergiker und Neurodermitiker hautverträglich ist. Als weltweit erstes Unternehmen haben wir uns auf diesen Bereich spezialisiert. Breits 1998 haben wir die Faser eingeführt – zuerst im Gewebe, dann in der Füllung und 2001 wagten wir den Schritt, auch Bettwäsche herzustellen. Der Anklang am Markt ist außerordentlich gut.

Was ist an dieser Tencel-Faser so besonders?

Tencel ist kostspielig im Einkauf und die Laufeigenschaften in der Weberei sind ganz speziell. Unser großes Glück waren unsere langjährigen und erfahrenen Mitarbeiter. Sie haben so lange getüftelt und experimentiert, bis Dichte, Verarbeitung und Haptik stimmten. Micro Tencel ist komplett frei von Pestiziden und Insektiziden, kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen als herkömmliche Baumwolle und hat eine ganz glatte Oberfläche. So können sich keine Bakterien wie Hausstaubmilben oder Pilze einnisten und es kommt zu keinen Hautirritationen. Zudem ist die Faser sehr ökologisch im Anbau: Sie braucht zehn bis 20 Mal weniger Wasser und bringt einen sechs Mal höheren Flächenertrag als Baumwolle. Und den Unterschied spürt jeder – selbst Männer.

Neben Bettwaren und Bettwäsche haben Sie vor zwei Jahren ein neues Geschäftsfeld betreten und Ihre erste Cashmere-Schal- und -Plaid- Kollektion lanciert. Wie kommt man als erfolgreiche Unternehmerin auf die Idee, noch ein Business zu starten?

Die Idee stammt eigentlich von Kunden, die von unserer Cashmere-Bettwäsche begeistert waren und andere Cashmere-Produkte anregten. Ich bin in die Mongolei gereist und habe das mongolische Cashmere mit seinen feinen, weichen Fasern und der traditionellen, händischen Verarbeitung als ein langlebiges Luxus- und Wohlfühlprodukt entdeckt. Damit haben wir das erste Mal das Schlafzimmer verlassen und den Schritt in den Wohnzimmer- und Modefachhandel gewagt. Wir konnten durch diese Produkt­erweiterung bereits neue Zielgruppen erschließen und stoßen auf äußerst positive Resonanz. Das Risiko hat sich also gelohnt.

Was sind die nächsten Schritte und Ziele, die Sie sich gesteckt haben – wo wollen Sie hin?

Unser großes Ziel ist, mit der ganzen Welt unter einer Decke zu stecken – nämlich unter einer HEFEL-Decke. Das Potenzial dafür ist noch riesig.

Danke für das Gespräch.

Man kann die Auslandsmärkte nicht vom Schreibtisch aus betreuen.

Zur Person

Geboren: 29. Jänner 1968 in Bregenz

Ausbildung: 1982–1987 Bundeshandelsakademie Bregenz; 1988–1993 Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität in Innsbruck

Karriere: 1993 Vertrieb der HEFEL Textil AG; 1994 Merchandiser für Non-Food- Produkte für ein großes Handelsunternehmen in Hong Kong; 1995–1997 im Marketing für „Lotto 6 aus 45“ bei den Österreichischen Lotterien in Wien; seit Juni 1997 bei der HEFEL Textil GmbH

Unternehmen: Geschäftsführung: Dietmar Hefel und Ulrike Hefel; Umsatz: 13,6 Mill. Euro; Mitarbeiter: 127; Fertigungsstätten: Vollstufige Produktion in Schwarzach (V) und Kefermarkt (OÖ); Vertrieb in mehr als 45 Länder weltweit; Kernmärkte: Österreich, Deutschland, Schweiz, Russland, Italien, USA, Tschechien, Frankreich, Osteuropa, Korea, Taiwan, Japan, Hong Kong; Tochterunternehmen: HEFEL Textil AG in St. Margrethen, Schweiz

Gesellschaftliche Engagements: IV Vorarlberg, Rotary Club Dornbirn

Sport & Hobbys: Reisen, Skifahren, Cashmere, Lesen und Musik