Zwischen den Jahren

Markt / 26.12.2012 • 20:51 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Zum Glück gibt’s Weihnachten. Weniger wegen des Klingelings, des Kitsches und Konsums. Aber es tut gut, einmal innezuhalten, das Tempo herunterzubremsen und in dieser weniger umtriebigen Zeit des auslaufenden Jahres persönlich zu bilanzieren. War es ein gutes Jahr? Oder spüren Sie jetzt auch diese Müdigkeit, über die so viele klagen und sie rasch als Vorboten eines drohenden Burn-outs deuten?

Es ist kein Einzelschicksal mehr, dieses Empfinden, für einen kaum noch reichenden Lohn immer mehr Mühen in Kauf nehmen zu müssen. Für zu viele Leute haben sich die Bedingungen, unter denen sie ihr Geld verdienen, empfindlich geändert. Die Wirtschaft dümpelt mehr dahin als dass sie wächst. Firmen verlangen auch zur Selbstverteidigung zusätzliche Flexibilität, ständige Erreichbarkeit und noch mehr Selbstoptimierung.

Dazu gesellt sich das Gefühl, dass uns Europa mit seinen Schuldenbergen über den Kopf wächst. Keiner weiß, wie viel wir da noch zahlen müssen. Der Außendruck auf Sozialbudgets ist enorm gewachsen, der Einzelne fühlt sich dem Großen und Ganzen wie ohnmächtig ausgeliefert. Diese in der ruhigeren Zeit zwischen den Jahren und ohne den alltäglichen Rummel leicht auftauchende Befindlichkeit ist längst keine Privatsache mehr. Sondern eine ökonomische und politische Herausforderung.

Wie lange dauert es noch, bis dagegen wirklich etwas unternommen wird? Langsam sollte sich doch herumgesprochen haben, dass etwa Vermögen einen nur bescheidenen Beitrag zur Erhaltung des Staatsganzen leistet. Es gibt Institutionen und Berater zuhauf, deren Aufrufe sicher nicht von kommunistischen Ideen befeuert werden. Auch sie drängen vehement darauf, den reichsten Europäern doch mehr als ein Scherflein zur Bewältigung der Staatsschuldenkrise abzuknöpfen.

Politische Entschlossenheit könnte diese ermüdende Vorstellung, immer mehr Wasser aus einem Boot schöpfen zu müssen, in das andere unentwegt Löcher schlagen, flott aus den Köpfen vertreiben. Vorläufig bleibt aber leider nicht viel mehr, als hoffnungsvoll eine Kerze anzuzünden und sich zu vergewissern: Menschen brennen nicht aus wie Teelichter. Der kürzeste Weg zur raschen Erholung ist das Eingeständnis der Müdigkeit. Das schafft neue Kraft zum Kampf um faire Spielregeln nach dem optimistischen Motto: Alles wird gut – und das Beste kommt erst noch!

wolfgang.simonitsch@vn.vol.at
Der Vorarlberger Wolfgang Simonitsch ist Redakteur der Kleinen Zeitung in Wien.

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