Schöne neue Arbeitswelt

Markt / 23.01.2013 • 22:08 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wer will unregelmäßiger, dafür aber länger arbeiten für weniger Geld? Die Zahl der Betroffenen und zugleich Begeisterten dürfte überschaubar sein. Doch genau darauf stellt ein Vorstoß des Wirtschaftsministers ab. Reinhold Mitterlehner prescht vor und will unter dem behübschenden Motto „mehr Flexibilisierung“ längere Arbeitszeiten pro Tag und längere Durchrechnungsmodelle durchsetzen.

Kein Wunder, dass sich Gewerkschafter dagegen stemmen. Denn im Kern läuft der Drang Mitterlehners, den die Wirtschaft und vor allem die Industrie mit heißem Herzen unterstützt, darauf hinaus, teure Überstunden billiger zu machen, Zuschläge zu vermeiden. Deshalb bringt sich die Gewerkschaft massiv in Stellung: Sie dreht den Spieß um und will regelmäßig geleistete Überstunden abbauen. Das bringe neue Jobs, heißt deren einsichtiges Argument.

Faktisch ist Österreich bei der Flexibilisierung der schönen neuen Arbeitswelt (Vorsicht: Ironie) laut EU-Kommission bereits in der Spitzengruppe. Sie hat drei Kategorien – Teilzeitarbeit, geleistete Überstunden und Zahl der Arbeitnehmer, die pro Woche 48 Stunden und mehr arbeiten – untersucht. Österreich ist demnach mit Großbritannien innerhalb aller EU- und EFTA-Staaten am großzügigsten.

Wie verbissen das Gerangel um noch mehr Zugeständnisse für Arbeitgeber bereits geführt wird, zeigt eine neue Meldung, die der Sozialminister (und frühere ÖGB-Chef) Rudolf Hundstorfer lanciert hat: Im Vorjahr soll es in Österreich doppelt so viele Verstöße gegen die Arbeitszeitregelung gegeben haben wie 2011. Bei rund 12.000 Kontrollen seien 6700 Übertretungen festgestellt worden. Das heißt noch nicht, dass es um so viel schlimmer geworden ist. Deshalb poltert der Sozialminister auch nur leise und gibt zu, dass die Kontrollen häufiger und strenger geworden sind.

Es ist schon Plattitüde, dass sich die Arbeitswelt im Umbruch befände. Entgelt, Arbeitszeit, Kollektivverträge und Gewerkschaften – alles müsse neu definiert werden, sagen die Fürsprecher liberalen Zuschnitts. Da ist wegen zunehmender Exporte und Globalisierung etliches dran. Denn entscheidend ist die Wettbewerbskraft. Doch da liegen wir, wie viele Statistiken zeigen, nicht so schlecht. Warum soll bei uns die Flexibilisierung trotzdem weiter auf die Spitze getrieben werden? Mehr Augenmaß und Rücksicht, etwa auf Gesundheit und Familienleben der Betroffenen stünde den Arbeitgebern gut zu Gesicht.

wolfgang.simonitsch@vn.vol.at
Der Vorarlberger Wolfgang Simonitsch ist Redakteur der Kleinen Zeitung in Wien.

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