Andreas Scalet

Kommentar

Andreas Scalet

Nachhaltig enkeltauglich

Markt / 27.03.2013 • 22:12 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wie in der Wirtschaft gibt es auch in der Sprache eine Konjunktur – konkret: Worte, die ein konjunkturelles Hoch haben und solche, die niemand mehr in den Mund nimmt. Ein Beispiel: Der „Euro-Rettungsschirm“ ist zwar nach wie vor vonnöten, doch nach dem inflationären Gebrauch des „Wortes des Jahres 2011“ und der zunehmenden Abneigung gegen alle Maßnahmen, die mit der Stützung von Volkswirtschaften und Banken zusammenhängen, meiden Politiker und Finanzexperten den Begriff.

Bald beerdigt werden könnte auch – liest und hört man Reden, Presseaussendungen und Zeitungsartikel – der nun schon geraume Zeit gebrauchte Begriff „nachhaltig“. Dafür haben findige Texter jetzt ein Wort mit viel mehr Emotion gefunden, und das wird willig verbreitet: Jetzt muss alles „enkeltauglich“ sein, was nicht in den nächsten zwei Monaten umgesetzt wird. So schön sich das Wort in die Texte schmiegt, so unbestimmt ist es. „Enkeltauglich“ kann nämlich auch bedeuten: Darum kümmern wir uns jetzt nicht wirklich. Und wer will beispielsweise 2050 kontrollieren, ob die 2012 beschlossenen Maßnahmen tatsächlich „enkeltauglich“ waren? Ganz zu schweigen davon, die damaligen Wortführer in die Pflicht zu nehmen.

Nach „Finanzkrise“, „Wutbürger“ und „Stresstest“ (alles Wörter des Jahres) hat auch die Wirtschaft – und die Wirtschaftspresse – eine Handvoll neue Begriffe gefunden, die unerfreuliche Tatsachen nicht ganz so drastisch erscheinen lassen: „Volatil“ sind heutzutage die Märkte, früher waren sie noch „schwankend“. Und mit den volatilen Märkten wird oft auch von den volatilen Leistungen im Management abgelenkt.

Wenn aus dem Schwanken ein Kentern wird, hat das heutzutage nicht mehr „Entlassungen“ zur Folge, derzeit nennt das der gewiefte Manager „Strukturanpassungen“. Und sind die durchgeführt – ja, dann sind die Unternehmen wieder auf Kurs, sozusagen „enkeltauglich“. Und da sage einer, nur in der Technik gebe es „Innovationen“. Die haben übrigens nach wie vor Konjunktur, obwohl sie inflationär in sämtlichen Reden von Aufsichtsratsvorsitzenden, Politikern und Interessenvertretern beschworen werden.

Wenn Sie’s nicht glauben, machen Sie doch einmal ein „Benchmarking“ – so heißt heute ein „Vergleich“. Sie werden feststellen, dass sich dieser Begriff „nachhaltig“ in der offiziellen Sprache etabliert hat – und mit der richtigen Übersetzung, die wir in den VN natürlich bestrebt sind Ihnen zu liefern, wird damit einiges „transparenter“.

andreas.scalet@vn.vol.at, 05572/501-862