„Bei uns gibt es keine Kultur des Scheiterns“

Markt / 24.05.2013 • 21:02 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Geschäftsführer Stefan Koch in der hauseigenen Schlosserei am Wolfurter Hauptstandort von Integra in der Konrad-Doppelmayr-Straße. Fotos: VN/Hofmeister
Geschäftsführer Stefan Koch in der hauseigenen Schlosserei am Wolfurter Hauptstandort von Integra in der Konrad-Doppelmayr-Straße. Fotos: VN/Hofmeister

Wolfurt. Stefan Koch ist Geschäftsführer der Arbeitsinitiative Integra. Im Interview mit den VN spricht er über die Herausforderungen einer gemeinnützigen Ges.m.b.H., über Erfolgserlebnisse und die heutige Gesellschaft.

Fühlen Sie sich als Eier legende Wollmilchsau? Sie müssen ja täglich den Spagat schaffen zwischen Wirtschaftlichkeit und sozialem Anspruch.

Stefan Koch: Als solche fühle ich mich eigentlich nicht. Aber es ist schon so, dass wir ständig zwei Ziele unter einen Hut bringen müssen. Zum einen führen wir diesen Betrieb und müssen uns zum Teil selbst erhalten. Zum anderen bekommen wir eine Förderung für unseren Sozialauftrag. Das heißt, wir suchen nicht nach Leistungskriterien aus, sondern geben jedermann die Chance. Dadurch sind unsere Mitarbeiter nicht immer gleich leistungsfähig. Wir benötigen Entwicklungsschritte. Das Ziel ist es ja, einen Job zu finden. Da muss man Probleme lösen. Wenn wir das eine Ziel zu stark forcieren, geht es zulasten des anderen. Wenn wir zu stark fördern ohne zu fordern, dann könnte es sein, dass wir diese Balance nicht ganz im Auge haben. Sprich: Wenn wir die Leute zu viel zum Arbeiten schicken, haben sie keine Zeit, um ihre Probleme zu klären, dann sind wir zu wirtschaftlich. Wenn wir zu sozial sind, dann bereiten wir die Leute zu wenig auf den Arbeitsmarkt vor. Trotzdem finde ich, dass Fordern und Fördern zwei untrennbare Zwillinge sind.

In Ihrem Beruf gibt es Niederlagen, aber auch Erfolgserlebnisse. Fällt Ihnen spontan eines ein?

stefan Koch: Ja, ganz aktuell. Einen jungen Mann um die 30 mit vielen Problemen haben wir aus der Langzeitarbeitslosigkeit herausbekommen und innerhalb von zwei Jahren zum Facharbeiter gebracht. Er hat gerade den Lehrabschluss gemacht. Nachdem er schlechte Schul­erfahrungen gemacht hatte, hat er sich nochmals aufgerafft, um in zwei Jahren die dreijährige Schlosserausbildung zu absolvieren. Das kommt aber nicht jeden Tag vor.

Wie hoch ist die Bereitschaft Vorarlberger Betriebe Integra-Abgänger zu übernehmen?

Stefan Koch: Dafür müssen die Leute funktionieren. Wenn das der Fall ist, sind die Chancen da. Wenn jemand individuell gut ausgestattet ist, sodass er will und kann, sagt eine Firma bei uns nicht Nein, nur weil er langzeitarbeitslos ist. Wir haben da auch ein gutes Instrument mit dem Integrationsleasing.

Und das funktioniert wie?

Stefan Koch: Von uns wird bei einer Firma angefragt, ob jemand von uns mithelfen kann – auf Leasingbasis. So kann der Mitarbeiter einen Betrieb länger betrachten, und umgekehrt kann der Betrieb den Mitarbeiter über einen längeren Zeitraum kennenlernen. Und dann kann es zu einer Übernahme kommen. Ein weiterer Vorteil daran ist, dass unsere Leute aktuell beurteilt werden, wie ihr Verhalten ist, nicht wie in einem Bewerbungsgespräch, in welchem nur das aus der Vergangenheit betrachtet wird. Wenn man weiß, was eine Person ausmacht, ist es viel einfacher und so kommt es oft zu guten und nachhaltigen Vermittlungen. Wenn die Betriebe ein Instrument bekommen, mit dem sie experimentieren können, ist die Bereitschaft unserer Betriebe schon hoch.

Merken Sie in der heutigen Zeit noch Berührungsängste seitens der Gesellschaft gegenüber Integra-Mitarbeitern?

Stefan Koch: Berührungsängste in dem Sinn vielleicht nicht. Es gibt natürlich schon Vorurteile, wenn es heißt, du bist arbeitslos. Was natürlich hinzukommt, ist das Schamgefühl, das beim Arbeitssuchenden aufkommt. Kritisch zu erwähnen ist, dass unsere Gesellschaft verkrampft mit dem Thema umgeht. Diese Verkrampfung führt dann dazu, dass der Mensch sich zurückzieht. Das ist übrigens allgemein beim Scheitern in unserer Gesellschaft so – egal welches Bildungsniveau. Wir haben keine Kultur des Scheiterns. In Amerika beispielsweise bekommt man mehrere Chancen. Dort ist die Kultur des Scheiterns deshalb so ausgeprägt, dass es keine Schande ist. Deshalb trauen sich die Leute viel schneller, Dinge wieder anzupacken. Frei nach dem Motto: Hinfallen ist keine Schande, liegen bleiben dagegen schon. So sollte es eigentlich gehen.

Der Umsatz von Integra hat sich seit der Gründung ver­doppelt …

Stefan Koch: Leider braucht es uns. Es wäre besser, wenn es nicht so wäre. In Zukunft wird es uns noch mehr brauchen. Ob das ewige Wachstum so weitergeht, ist fraglich. Da müssen wir uns als Integra überlegen, wie wir die Leute in eine Struktur bekommen. Für den Menschen ist es wichtig, dass er einen täglichen Austausch erlebt. Jeder, der bei uns geht, will auch bleiben. Obwohl wir die Leute fordern. Wir gehen stark nach dem Normalitätsprinzip vor. Und dort sind das Soziale und das Wirtschaftliche kein Widerspruch. Niemandem ist mit Vogelhäuschen-Basteln geholfen. Es fehlt der Sinn, da es kein marktfähiges Produkt ist. Und wenn der Sinn fehlt, dann fehlt der ganze Selbstwert. Darum ist es besser, die Leute zu fordern.

Fordern und Fördern sind für mich ganz klar zwei untrennbare Zwillinge.

Zur Person

Stefan Koch

seit 2008 Geschäftsführer der Integra Arbeitsinitiative

Geboren: 26. Juli 1974 in Lustenau

Ausbildung: Volksschule, Hauptschule, HTL für Hochbau in Rankweil, Zivildienst beim Roten Kreuz, Sozialakademie in Bregenz, Personalmanagementlehrgang am MCI in Innsbruck

Laufbahn: erste berufliche Station bei DOWAS als Sozialarbeiter, später Leiter der Arbeitsprojekte, 2004 Fusion zur Integra, dort erst Mitglied der Geschäftsleitung und Prokurist für Personalwesen, seit 2008 Geschäftsführer

Familie: verheiratet mit Natascha