Per PC zum Handwerk

Markt / 16.10.2013 • 18:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Michelle Meier liebt genaues Arbeiten. Der Beruf des Buchbinders ist daher für die 17-Jährige wie geschaffen. Fotos: Klaus Hartinger
Michelle Meier liebt genaues Arbeiten. Der Beruf des Buchbinders ist daher für die 17-Jährige wie geschaffen. Fotos: Klaus Hartinger

Michelle Meier fand ihren Traumberuf per Mausklick durch einen Online-Eignungstest.

Bludenz. Ohne Buchbinder müssten die Romane auf losen Papierseiten gelesen werden. Im Falle des siebten Harry-Potter-Bandes, der stolze 768 Seiten umfasst, wäre das ein ganz schönes Durcheinander. Eine, die mit flinken Fingern Ordnung in das Chaos der losen Blätter bringt, ist Michelle Meier. Die 17-jährige Ludescherin absolviert derzeit ihre Ausbildung zur Buchbinderin bei Josef Konzett in Bludenz. Dabei gehören das Zusammentragen der Seiten und das anschließende Heften bzw. Leimen zu ihren Lieblingstätigkeiten, die ihr besonders viel Spaß bereiten. Der Teenager, der sich für eine duale Ausbildung entschieden hat und nicht wie der Freundeskreis weiter zur Schule geht, kam online zu seinem Berufswunsch. Das ist fast ein bisschen widersprüchlich – denn bei der Buchbinderei handelt es sich um einen handwerklichen Beruf, bei dem der Computer kaum zum Einsatz kommt. Einzig bei der neuen Prägemaschine, die Josef Konzett erst kürzlich angeschafft hat, wird der Text über den Laptop eingegeben. Ansonsten braucht es für die Tätigkeiten wie Schneiden, Falzen, Fügen, Kleben und Binden im wahrsten Sinne des Wortes viel Fingerspitzengefühl.

PC-Eignungstest

Apropos Fingerspitzengefühl: Das ist auch bei der Berufswahl wichtig, denn schließlich soll die Arbeit Freude bereiten und eine gesicherte Zukunft bieten. Michelle Meier, die trotz Schnuppern überhaupt keine Vorstellung davon hatte, welcher Job ihren Fähigkeiten gerecht werden könnte, entschied sich für einen Computer-Eignungstest. Dass der PC ausgerechnet Buchbinderin vorschlug, überraschte das junge Mädchen selbst. Sie machte sich schlau, ging schnuppern und wusste dann sofort: „Das ist es! Die Arbeit taugt mir voll und ist total abwechslungsreich.“

Sorgfältig und engagiert

Außerdem entspricht die Buchbinderei ganz ihrem Naturell. Michelle Meier ist ein ruhiges und sehr ordentliches Mädchen. „Bei mir ist mein Zimmer immer aufgeräumt, nicht so wie bei anderen meines Alters“, gibt sie ehrlich zu. Auch ihre Hausaufgaben hat die Oberländerin immer sauber und sehr sorgfältig erledigt. Das sind exakt die Voraussetzungen, die es für den handwerklichen Beruf braucht. Auch Josef Konzett ist froh, wieder einen engagierten Lehrling gefunden zu haben. „Die Suche gestaltet sich immer schwieriger“, bedauert der Unternehmer, „ein kleiner Traditionsbetrieb mit einem für viele aussterbenden Handwerk tut sich da nicht leicht.“ Dabei erlebt die Buchbinderei in der Alpenstadt gerade jetzt eine neue Blütezeit. „Unser Hauptgebiet in den letzten zwei Jahren sind Diplomarbeiten und Dissertationen“, freut sich Konzett, dessen weitester Auftrag übers Internet aus Australien eintraf. „Dabei hab ich anfänglich nicht geglaubt, dass das Internet bei uns was bringen könnte und zu meinem Sohn Michael gesagt: ,Hör auf mit dem Internet.‘“, erinnert er sich lachend zurück. Dass die Geschäfte gut laufen, macht im Traditionsunternehmen Lust auf Zukunft. Darum haben Vater und Sohn in den letzten zwei Jahren kräftig investiert und neue Maschinen im Wert von 250.000 Euro angeschafft.