Sich üben in Enthaltsamkeit

Markt / 05.06.2014 • 22:19 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Zinsen ade? Trotz EZB-Entscheid soll es für Sparer keinen Negativzins geben.

Frankfurt, Schwarzach. Die Europäische Zentralbank (EZB) verschärft ihren Krisenkurs und reagiert auf die zuletzt extrem niedrige Inflation im Euroraum. So senkte sie gestern ihren Leitzins von 0,25 Prozent auf das Rekordtief von 0,15 Prozent. Die Überlegung dahinter: Niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite und Investitionen und kurbeln so die Wirtschaft an. Gleichzeitig beschloss der EZB-Rat, erstmals einen Strafzins von minus 0,10 Prozent für Bankeinlagen zu erheben. Dadurch sollen Banken überschüssige Liquidität nicht mehr bei der EZB parken, sondern das Geld in Form von Krediten an Verbraucher und Unternehmen weiterreichen. Eine Ankündigung, die – weil erwartet – kaum mehr überraschte. Allerdings fragen sich viele Sparer und auch Kreditnehmer zurecht, was das für sie nun bedeutet.

Wir haben uns bei den Vorarlberger Banken-Chefs umgehört und eines wird dabei deutlich: Einen Grund zur Panikmache gibt es nicht. Denn für die Bankkunden wird sich zunächst kaum etwas ändern. Der Grund: Kundenseitig bemisst sich der Zinssatz nicht nach dem EZB-Leitzinssatz, sondern nach dem Euribor und dieser scheint relativ stabil, auch wenn er in letzter Zeit geringfügig zurückging, betont Wilfried Hopfner von der Raiffeisenlandesbank. Die Entwicklung hänge nun eben vom Euribor ab. „Eventuell werden die Kredite etwas billiger, die Zinsen etwas niedriger. Es kann aber auch sein, dass es gleich bleibt“, spricht er von Stabilität. Auch Michael Grahammer von der Hypolandesbank ergänzt, die Referenzzinssätze für Kredite könnten nochmals sinken, wobei die Margen eher steigen müssten. Aber für die Kunden werde das nicht spürbar sein.

„Sollte

sich der Euribor

nach unten bewegen, werden auch die Kreditzinsen sinken“, so Gerhard Hamel von der Volksbank. Für Harald Giesinger von der Sparkasse ist die Zinssenkung absolut gesehen so minimal, dass hier Auswirkungen kaum zu erwarten sein dürften, zumal die Kreditzinsen so niedrig seien wie schon lange nicht mehr.

Dass die neuen Bedingungen an die Kunden weitergegeben werden, glaubt Michael Grahammer nicht. „Die Zinssenkung wurde vom Markt erwartet und vorweggenommen, daher glaube ich nicht, dass es den Kunden nochmals treffen kann. Das bewirkt nicht mehr viel.“ Und wenn, dann nur in leichter Ausprägung. Ob die Zinssenkung durch die EZB direkt an die Kunden weitergegeben wird, könne derzeit noch nicht gesagt werden, es sei aber vorstellbar, dass die Zinsen ebenfalls leicht sinken werden, ist Gerhard Hamel überzeugt. Sicher ist jedoch, dass Sparwillige derzeit keine Negativzinsen fürchten müssen, so Harald Giesinger.

Geld bleibt billig

Fakt ist: Das Geld bleibt wohl billig, wohl auch die kommenden Jahre. Zur Freude der Kreditnehmer und zur Last der Sparer. Aber was tun mit seinem Ersparten? „Das Geld auf dem

Sparbuch belassen, man kann jetzt nicht zu wesentlich

risikoreicheren Anlagen raten, das wäre unverantwortlich. Aber bei diesem Niveau sind auch Anleihen gefährlich“, erklärt Michael Grahammer. Auch Wilfried Hopfner rät, beim Sparbuch zu bleiben und das Geld für ein bis zwei Jahre zu binden, um einen höheren Zinssatz zu bekommen. Diese Sparform sei sicher und das Geld jederzeit verfügbar. Ebenso Gerhard Hamel, der dazu rät, den Sparbuch-Zinssatz für einen gewissen Zeitraum zu fixieren. Indes sollten Anlageentscheidungen grundsätzlich niemals nur von der Zinshöhe abhängig gemacht werden, sondern von der persönlichen finanziellen Situation. „Auch konservative Anleger sollten sich Alternativen zum Sparbuch überlegen, da in nächster Zeit nicht mit einer Zinserhöhung seitens der EZB gerechnet werden kann und somit ein Kapitalerhalt nur mit dem Sparbuch gar nicht mehr möglich ist“, so der Volksbank-Vorstand.

„Je nach Riskobereitschaft des Sparwilligen ist individuell ein gut gestreuter Anlage-Mix zusätzlich zum Sparbuch empfehlenswert. Dabei ist immer darauf zu achten, dass auch kurzfristig verfügbares Geld für Notfälle bleibt. Wir gehen hier generell von einem Betrag von etwa drei Monatseinkommen aus“, rät Harald Giesinger von der Sparkasse.

Strukturreformen machen

Die EZB musste gestern viel Prügel für ihre jüngsten geldpolitischen Entscheidungen einstecken. Die erhofften Effekte könnten ausbleiben, so Kritiker. Wilfried Hopfner hat dazu eine klare Meinung: „Die EZB allein wird das nicht richten können. Werden in den Eurostaaten nicht die notwendigen Strukturreformen angegangen, greift das Mittel zu kurz. Wirtschaftspolitische Maßnahmen, vor allem in Südeuropa, dürfen jetzt nicht vernachlässigt werden.“

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