Kündigen muss man schriftlich

Markt / 31.08.2014 • 21:55 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Bereits ab dem ersten Tag im Krankenstand muss man bei Verlangen eine Bestätigung des Arztes vorlegen.
Bereits ab dem ersten Tag im Krankenstand muss man bei Verlangen eine Bestätigung des Arztes vorlegen.

Welche Rechte und Pflichten am Arbeitsplatz gelten, weiß fast niemand.

Feldkirch. Die wichtigsten Rechte und Pflichten am Arbeitsplatz sind den meisten Arbeitnehmern und Arbeitgebern geläufig. Sollte man meinen. Doch dem ist nicht so, sowohl in den Rechtsabteilungen der Wirtschaftskammern als auch bei der Arbeiterkammer werden die Mitarbeiter tagtäglich mit Irrtümern konfrontiert, die für die eine oder die andere Seite teuer werden könnten. „Das Wissen über das Arbeitsrecht ist sehr gering. Und das in allen Berufen und Positionen“, bestätigt die Leiterin der Arbeitsrechtlichen Abteilung der Arbeiterkammer Vorarlberg, Brigitte Hutterer, eine „Best of Irrtümer“-Liste, die ihre oberösterreichischen Kollegen erstellt haben.

657 Verhandlungen

Rund 50.000 Beratungen hat denn auch die Arbeiterkammer Vorarlberg im vergangenen Jahr in Arbeits-, Sozial- und Steuerrecht durchgeführt. Fast ein Drittel (konkret 51,20 Euro vom durchschnittlichen Beitrag von 162,20 Euro) der Arbeiterkammerbeiträge fließen laut Bilanz 2013 der Arbeitnehmervertretung in den Rechtsschutz, 657 Verhandlungen in Vertretung von Arbeiterkammer-Mitgliedern vor dem Sozialgericht Feldkirch verzeichnet die Bilanz ebenfalls. Unter die Irrtümer fallen etliche Behauptungen, die vom großen Teil der Arbeitgeber und Arbeitnehmer als „wahr“ empfunden werden, zum Beispiel, dass man die ersten drei Krankenstandstage keine Bestätigung vom Arzt braucht. Falsch und im Streitfall fatal, übrigens: „Auch wer arbeitslos ist, muss einen Krankenstand dem AMS selbst melden“, so Hutterer. Ein weiteres Beispiel: Im Bereich Kinderbetreuung und Karenz werden Begriffe sowie Rechte und Pflichten oft verwechselt. Auch was die Auszahlung von nicht genommenem Urlaub betrifft, herrscht oft – und das fälschlicherweise – die Ansicht, man könne sich nicht konusmierten Urlaub auszahlen lassen. Geht nicht, sagt das Arbeitsrecht ganz klar.

Lehrverträge sind sicher

Nicht gekündigt werden können Lehrverträge. Die sind befristet abgeschlossen und können nur im Einvernehmen aufgelöst werden. Damit das nicht passiert, gibt es Möglichkeiten zur Mediation, die von Unternehmen wie Lehrlingen gut in Anspruch genommen werden.

 

Überstunden muss man machen.

Falsch. Eine Verpflichtung, Überstunden zu machen, muss vereinbart werden. Das gilt auch für Mehrarbeit bei Teilzeitkräften. Die Vereinbarung kann auch mündlich getroffen werden.

Unfaire Klauseln im Arbeitsvertrag gelten nicht, auch wenn ich sie unterschrieben habe.

Falsch. Was unterschrieben ist, gilt solange es nicht dem Gesetz widerspricht – und sei es noch so unfair. Das können extrem kurze Verfallsfristen bei offenem Entgelt sein. Der Inhalt des Vertrages begleitet einem durch das gesamte Arbeitsverhältnis.

Ich habe einvernehmlich gekündigt.

Eine einvernehmliche Kündigung gibt es nicht, es gibt die einvernehmliche Auflösung des Arbeitsverhältnisses. Bei dieser beidseitigen Willenserklärung von Arbeitnehmer und Arbeitgeber gibt es keine Fristen und Termine, die einzuhalten sind. Bei einer einvernehmlichen Lösung stehen in fast allen Kollektivverträgen keine Arbeitssuchtage (ein Fünftel der Wochenarbeitszeit) zu.

Im Krankenstand kann ich nicht gekündigt werden.

Falsch. Eine Kündigung im Krankenstand ist möglich. Der Arbeitgeber muss alle Fristen einhalten. Die Arbeiterkammer rät, im Krankenstand nicht auf eine einvernehmliche Lösung einzugehen, weil der Betroffene Geld verlieren könnte.

Das Dienstzeugnis steht mir automatisch zu.

Falsch. Arbeitnehmer haben ein Recht auf ein einfaches Arbeitszeugnis. Darin ist enthalten, wer von wann bis wo welche Tätigkeit ausgeübt hat. Auch dieses muss man verlangen. Ein Rechtsanspruch auf ein qualifiziertes Arbeitszeugnis gibt es nicht.

Im Krankenstand brauche ich die ersten drei Tage keine Bestätigung vom Arzt.

Falsch. Wenn der Arbeitgeber darauf besteht, muss eine Bestätigung des Krankenstandes durch den Arzt bereits ab dem ersten Tag vorgelegt werden.

Ich kann nicht ohne Verwarnung entlassen werden.

Falsch. Nur bei bestimmten Entlassungsgründen muss der Chef vorher verwarnen, etwa wenn man zu spät kommt. Auch eine dreimalige Verwarnung ist nicht nötig, schon nach einmaliger Verwarnung kann man berechtigt mit sofortiger Wirkung entlassen werden.

Ansprüche, die mir zustehen, kann ich nicht verlieren.

Falsch. In vielen Kollektivverträgen sind Klauseln enthalten, die nur drei Monate als Frist zur Geltendmachung vorsehen. Die AK rät, unbedingt zeitnah und schriftlich offene Entgelte oder Überstunden einzumahnen.

Die Kündigung muss mir der Chef immer schriftlich mitteilen.

Falsch. Eine Kündigung gilt auch, wenn sie mündlich oder per Bote ausgesprochen wird. Ab dann laufen Fristen, während derer man gegen die Kündigung vorgehen kann. Viele Kollektivverträge regeln die Form der Kündigung überhaupt nicht.

Zwei Wochen des Urlaubs bestimmt der Chef, den Rest ich.

Der Urlaub ist immer einvernehmlich zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu vereinbaren. Lediglich Lehrlingen steht im Juli/August ein zweiwöchiger durchgehender Urlaub zu. Auch während laufender Kündigungsfristen ist ein Urlaub nur im Einvernehmen möglich. Urlaubsansprüche verfallen nach zwei Perioden – also heuer Ansprüche aus 2011.

Allgemein und unabhängig von der Qualifikation herrscht großes Unwissen zum Arbeitsrecht.

Brigitte Hutterer, Arbeitsrecht AK

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.