„Man muss bereit sein, Feindbild zu werden“

12.09.2014 • 17:44 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Dr. Birgitt Breinbauer hat sich vor allem als Scheidungsanwältin einen Namen gemacht: „Das einbringen der Scheidungsklage ist oft nicht das Ende sondern der Anfang von strukturierten Gesprächen.“  Fotos: VN/Hofmeister
Dr. Birgitt Breinbauer hat sich vor allem als Scheidungsanwältin einen Namen gemacht: „Das einbringen der Scheidungsklage ist oft nicht das Ende sondern der Anfang von strukturierten Gesprächen.“ Fotos: VN/Hofmeister

Dornbirn. Birgitt Breinbauer ist Anwältin aus Leidenschaft und das, obwohl sie aufgrund der Spezialisierung auf Familienrecht immer wieder mit schwierigen Situationen zurecht kommen muss. Im Interview spricht sie über Licht und Schatten des Berufes und wieso das Image, das Anwälten anhaftet, oft nicht mit der Realität übereinstimmt.

Sie haben sich in den letzten Jahren vor allem einen Ruf als die Scheidungsanwältin erworben. Wie kommt man zu diesem Status?

Breinbauer: Es war nicht der Plan, es hat sich vielmehr so entwickelt. Ich habe vor über 25 Jahren als Rechtsanwältin in Dornbirn angefangen und damals hat es noch fast keine Anwältinnen gegeben. Beim Familienrecht gab es einen klaren Mangel an weiblichen Vertretern. Wenn man es oft tut, ergibt sich Kompetenz und Engagement. Mundpropaganda wirkt dann auch. Inzwischen bin ich wirklich auf den Familienbereich fokussiert. Ich habe das Gefühl, dass ich da was leisten kann.

Was fasziniert Sie am Familien­recht?

Breinbauer: Im Familienrecht klärt man nicht nur juristische Dinge. Man muss auch ein gewisses Maß an Empathie haben. Man darf die Gefühlsebene der Menschen nicht vergessen. Man muss aktiv zuhören können. Das tue ich gerne. Die Kehrseite des Familienrechts ist die, dass es kaum emotionalere Verfahren gibt und dass man als Anwältin ganz häufig richtiger Feind für den Gegner ist. Ich bin nicht persönlich involviert, werde aber ganz oft persönlich involviert. Das macht mir schon zu schaffen. Mit zunehmendem Alter versuche ich aber gelassener zu werden.

Im letzten Jahr mussten Sie den Ex-Mann einer Klientin auf Unterlassung verklagen. Ist das die Schattenseite?

Breinbauer: Tatsächlich. Die Menschen sind in einer ganz besonderen Situation, nicht nur der Klient, sondern auch der Gegner. Dass man da mal über das Ziel hinausschießt, ist verständlich. Ich bin auch nicht zimperlich, aber es gibt Grenzen, die manchmal überschritten werden.

Sie sind auch ausgebildete Mediatorin. Inwieweit hilft Ihnen das in Ihrer Tätigkeit?

Breinbauer: Das nützt ohne Zweifel, weil man gewisse Tools in der Verhandlung einsetzen kann. Von Mediatoren wird allerdings verlangt, dass sie unparteilich sind und ich muss gestehen, dass ich wahnsinnig gerne auf einer Seite stehe. Denn ich bin Anwältin aus Leidenschaft. Das ist bei der Mediation wahnsinnig schwer, weil ich von dem, was ich normal tue, zurücktreten muss. Das ist ein ganz anderer Beruf.

Neben der Arbeit als Anwältin sind Sie auch Präsidentin der Vorarlberger Rechtsanwaltskammer. Für welche Branchenanliegen setzen Sie sich ein?

Breinbauer: Mir ist Standespolitik sehr wichtig und ich finde, man muss das aktiv betreiben. Es soll ein freier Beruf bleiben und alle Versuche, diesen Beruf zu gängeln, indem man zum Beispiel an der Verschwiegenheitspflicht knabbert, muss man unterbinden. Man darf und soll sich für den Klienten auch mit den Mächtigen anlegen dürfen.

Anwälte haben nicht das beste Image in der Bevölkerung, sie stehen im Ruf, viel Geld zu verdienen, und oft das Recht zurechtzubiegen. Können Sie uns etwas darüber erzählen, wie es den Anwälten wirtschaftlich geht und wie ihr Alltag aussieht?

Breinbauer: Der Eindruck, dass Anwälte viel Geld verdienen, ohne viel dafür zu tun, täuscht sicher. Die Menschen haben schon erkannt, dass uns das Geld nicht durch Nichtstun hereinregnet. Es gibt sicher Anwälte, die fallen in der Öffentlichkeit auf. Das gibt es aber in allen Berufsgruppen und meist findet jeder den Anwalt, der gut zu einem passt. Wirtschaftlich gibt es keine Umfragen. Aber in Vorarlberg geht es den meisten gut, allerdings nicht in einem Umfang, wo man sagt, sie sind wahnsinnig reich. In anderen Teilen Österreichs ist das anders. Es gibt in Vorarlberg aktuell 229 Anwälte, die Zahl ist rückläufig. Der Boom in die Anwaltei besteht nicht mehr so, weil sich durchgesprochen hat, dass es kein ganz einfacher Beruf ist. Man muss bereit sein, Feindbild zu werden, wir sind extrem fremdbestimmt, was die Termine betrifft und die Klienten sind zunehmend kritischer, und es gibt sehr viel Konkurrenz für Rechtsberatungen seitens von Institutionen.

Die österreichische Justiz hat schwere Zeiten hinter sich. Kann das verloren gegangene Vertrauen wieder hergestellt werden?

Breinbauer: Das war ein ganz gewaltiger Einschnitt, weil es niemand für möglich gehalten hätte, dass es so etwas gibt. Ich finde, die Justiz hat sehr ordentlich daran gearbeitet, ihr Image zu verbessern. Das ist jetzt auch sehr viel besser.

Ist der Beruf als Rechtsanwältin trotzdem noch Ihr Traumberuf?

Breinbauer: Ja auf jeden Fall. Es gibt zwar schon Phasen, wo es schwierig ist, die viel Kraft kosten und ich denke, wieso bin ich nicht Blumenhändlerin geworden. Aber ich habe es nie bereut.

Die Klienten sind heute viel informierter und hinterfragen Meinungen mehr als vor 20 Jahren.

Dr. Birgitt Breinbauer hat sich vor allem als Scheidungsanwältin einen Namen gemacht: „Das Einbringen der Scheidungsklage ist oft nicht das Ende, sondern der Anfang von strukturierten Gesprächen.“  Fotos: VN/Hofmeister
Dr. Birgitt Breinbauer hat sich vor allem als Scheidungsanwältin einen Namen gemacht: „Das Einbringen der Scheidungsklage ist oft nicht das Ende, sondern der Anfang von strukturierten Gesprächen.“ Fotos: VN/Hofmeister
Dr. Birgitt Breinbauer im Gespräch mit den Vorarlberger Nachrichten in ihrer Kanzlei in der Dornbirner Marktstraße.
Dr. Birgitt Breinbauer im Gespräch mit den Vorarlberger Nachrichten in ihrer Kanzlei in der Dornbirner Marktstraße.

Kennzahlen

Kanzlei Rümmele-Breinbauer in Dornbirn

» Dr. Karl Rümmele

Schwerpunkt: Wirtschafts- und Unternehmensrecht, Insolvenzrecht

» Dr. Birgitt Breinbauer

Schwerpunkt: Scheidungs- und Familienrecht, Mediation

» Mag. Andrea Concin

Schwerpunkt: Strafrecht (Strafverteidigung, Prozessbegleitung)

Zur Person

Dr. Birgitt Breinbauer LLM.

Rechtsanwältin, Präsidentin der Rechtsanwaltskammer Vorarlberg, Mediatorin, Mitglied der freiwilligen Treuhandrevision der Vorarlberger Rechtsanwaltskammer, akademisch geprüfte Europarechtsexpertin

Geboren: 16. 9. 1958

Ausbildung: Gymnasium in Salzburg, Studium der Rechtswissenschaften, Gerichtsjahr in Innsbruck und Vorarlberg

Laufbahn: sechs Jahre als Konzipientin bei Dr. Lins in Bludenz, seit 1987 in Kanzleigemeinschaft mit Dr. Karl Rümmele in Dornbirn

Familie: verheiratet