Fällt die Freizeitoption, dann geht der ÖGB-Chef

22.10.2015 • 20:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Mehr Freizeit statt Lohnerhöhung: ÖGB-Chef Loacker sieht sich durch Betriebsumfragen bestätigt.

Dornbirn. (VN-reh) Die Lohnerhöhung gegen mehr Freizeit zu tauschen – diese Möglichkeit gibt es bereits, allerdings nur in der Elektro/Elektronik-, Bergbau/Stahl-, Fahrzeug- und Papierindustrie. Nicht genug, sagt die Produktionsgewerkschaft Pro-Ge und will diese Option auch für andere Industrie-Branchen. ÖGB-Chef Norbert Loacker ist dabei nicht zum Spaßen zumute, wie er deutlich macht.

Für ihn steht fest: Als Nächstes soll die Maschinen- und Metallindustrie folgen. „Es ist unüblich, eine Empfehlung zu den laufenden KV-Verhandlungen abzugeben. Ich breche ein Tabu und empfehle den Spitzenvertretern der Metallerlohnrunde, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.“ Sonderwünsche der Gewerkschaft wie die sechste Urlaubswoche oder drei zusätzliche freie Tage für Betriebe mit flexibler Arbeitszeit müsse man entweder vergessen oder verschieben. Das treibe nur die Lohnnebenkosten in die Höhe. „Mir geht es nur um einen gerechten Lohn- und Gehaltsabschluss plus die Verankerung der Freizeitoption im KV.“ Damit könne sich jeder Beschäftigte die sechste Urlaubswoche selber machen. „Wenn ich spüre, dass das Thema Freizeitoption vom Tisch ist, dann nehme ich frei und gehe“, droht er sogar mit seinem Rückzug aus den Verhandlungen.

Umfrage bestätigt Forderung

Untermauert wird Loackers Forderung nach einer Freizeit­option durch eine aktuelle Umfrage, die in acht großen Vorarlberger Industriebetrieben durchgeführt wurde, sowie durch die bisherigen Erfahrungen in Unternehmen mit dieser Möglichkeit. Bei Mahle König beispielsweise gibt es sie bereits. Dort haben die Mitarbeiter seit heuer die Möglichkeit, ihre Lohnerhöhung gegen Freizeit zu tauschen. 25 Prozent der 200 in Frage kommenden Beschäftigten nutzten diese Option und erhielten so statt den 2,1 Prozent mehr Lohn eine Woche mehr an Zeit für Familie oder persönliche Hobbys. Betriebsratsvorsitzender Thomas Jutz weiß nur Positives darüber zu berichten und er ist überzeugt davon, sollte auch weiterhin die Möglichkeit zur Freizeitoption bestehen, dass sich noch mehr Kollegen für dieses Modell interessieren werden. Auch die Geschäftsleitung sehe es als win-win-Situation.

Die Umfrage wurde unter anderem bei Wolford durchgeführt – mit deutlichem Ergebnis: 89 Prozent der befragten Frauen und 81 Prozent der Männer sind für die Einführung einer Freizeit­option. „Mehr Freizeit zu haben ist vor allem für die Kolleginnen wichtig, um Familie und Beruf besser managen zu können“, erklärt Betriebsratschef Anton Mathis. Deshalb wird er sich bei der nächsten KV-Verhandlung für die Textilindustrie intensiv dafür einsetzen.

Auch bei Grass sprachen sich 87 Prozent der Beschäftigten für die Freizeitoption aus, erklärt Betriebsratschef Norbert Loacker. Ein Grund, den viele neben dem Erholungswert anführten, war, dass sich eine Lohnerhöhung steuerlich kaum lohne.

Deutliche Sprache

Neben den Mitarbeitern der acht Vorarlberger Industriebetriebe wurde auch die Vorarlberger Bevölkerung befragt. Das Gesamtergebnis spricht eine deutliche Sprache: Für das Freizeitmodell sprechen sich 84 Prozent der Beschäftigten und 60 Prozent der Bevölkerung aus – quer durch alle Berufs- und Altersgruppen. Nur bei angelernten Arbeitern ist die Zustimmung geringer, weil sie aufgrund ihres Einkommens nicht auf Lohnerhöhungen verzichten können.

Gewerkschafts-Power für die Freizeitoption: Thomas Jutz, Anton Mathis, Norbert Loacker und Siegfried Birnleitner. Foto: Pro-Ge
Gewerkschafts-Power für die Freizeitoption: Thomas Jutz, Anton Mathis, Norbert Loacker und Siegfried Birnleitner. Foto: Pro-Ge

Stichwort

Freizeitoption. Anstelle einer
Ist-Lohnerhöhung können Arbeit­nehmer zusätzliche bezahlte
Freizeit von einer Woche pro Jahr in Anspruch nehmen. Vorausgesetzt sind die Verankerung im Kollektivvertrag und eine Betriebsvereinbarung. Eine Freizeitoption kann nicht verfallen.