„Habe nie versucht, rote Parteipolitik zu machen“

23.10.2015 • 17:24 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Norbert Loacker hat bereits seine Lehre bei Grass in Höchst absolviert. Seit 1986 ist er nun schon Betriebsratsvorsitzender beim Höchster Beschlägehersteller. Fotos: VN/Hofmeister
Norbert Loacker hat bereits seine Lehre bei Grass in Höchst absolviert. Seit 1986 ist er nun schon Betriebsratsvorsitzender beim Höchster Beschlägehersteller. Fotos: VN/Hofmeister

Höchst. Norbert Loacker ist Gewerkschafter mit Leib und Seele. Der Betriebsratschef von Grass und Vorsitzende des Österreichischen Gewerkschaftsbundes in Vorarlberg scheut sich nicht, seine Meinung laut zu sagen. Im Interview spricht er über seinen Vorarlberger Weg, schwere Momente, und wieso er Fan von Bruno Kreisky ist.

Wie wird man Gewerkschaftspräsident, und wie bleibt man es so lange?

Loacker: Ich habe als Betriebsrat kandidiert, dann bin ich für ein Jahr nach Mödling auf die Sozialakademie. Zurück im Betrieb bin ich zum Obmann gewählt worden, habe aber oft den Gedanken gehabt, zurück in den Beruf zu gehen, weil ich einen Traumberuf hatte. Ich habe Montageanlagen gemacht, aber in den 80er-Jahren war die Automatisierung das Thema. Ich hätte es deshalb nicht geschafft, zurück in den Fachbereich zu gehen. Der Start als ÖGB-Präsident 1995 war kein einfacher, weil man den Gewerkschaftsbund auf schwarz umfärben wollte. Mit dem musste ich leben, aber man kann mir nicht vorwerfen, dass ich ein einziges Mal parteipolitisch agiert hätte. Ich habe nie versucht, rote Parteipolitik zu machen. Ich trenne das ganz scharf. Als Gewerkschafter bin ich für die Mitglieder da, da interessieren mich die Farben nicht.

Was waren für Sie im Rückblick die schwierigsten Momente Ihrer Karriere?

Loacker: Die mit Abstand schwierigste Phase war die Wirtschaftskrise im Jahr 2010. Wenn es da zu Kündigungen kommt, ist es weniger lustig. Da muss man Wege finden, im Wissen, dass jede Krise auch wieder vorübergeht.

Können Sie uns Ihre Vorstellungen von einer erfolgreichen Arbeitnehmervertretung skizzieren? Was unterscheidet Ihren „Vorarlberger Weg“ von der Gewerkschaftspolitik in Österreich?

Loacker: Ich bezeichne mich selbst als Industriemensch. Ich versuche, im Betrieb, egal ob als Angestellter oder als Betriebsrat, Probleme zu lösen. Wenn die Gewerkschaft ein viergängiges Hauptmenü auf den Tisch legt und sagt, das möchten wir, ist das, was jetzt passiert, hausgemacht. Da gehe ich als Betriebsrat nicht mit. Damit zwinge ich nämlich die Arbeitgeber zu sagen, das machen wir nicht. Mein Weg ist, sich auf das zu konzentrieren, was machbar ist, zum Beispiel die Freizeitoption. Die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohn: Den Wunsch kann ich hingegen nur dem Christkind schicken. Dabei hätte ich die Befürchtung, dass das die Arbeitgeber dazu motiviert, in den Fernen Osten auszulagern. Der Standort und die Arbeitsplätze sind mir wichtiger als alles andere.

Wie sind Ihre Wiener Gewerkschaftskollegen auf Sie zu sprechen, wenn Sie gegen deren Vorschläge wettern oder den Schulterschluss mit den Arbeitgebern suchen?

Loacker: Die Spitzengewerkschafter kennen mich inzwischen, da kommt nicht einmal ein Anruf. Ich muss in Vorarlberg leben und fühle mich den Mitarbeitern hier verantwortlich. Ich bin sehr frei, ansonsten könnte ich den Job nicht machen.

Sie sitzen als Betriebsratsvorsitzender bei der Firma Grass auch im Aufsichtsrat. Ist es schwierig, die Interessen der Mitarbeiter und des Unternehmens unter einen Hut zu bekommen?

Loacker: Im Aufsichtsrat unserer Firma sind wir sehr stark, und wir sind in enger Kooperation mit der Eigentümerfamilie. Wir reden Klartext. Denn der Aufsichtsrat hat ja die Geschäftsführung zu überwachen. Bei wichtigen Unternehmensentscheidungen, wo man als Betriebsrat irgendwann ansteht, kann man im Aufsichtsrat auf einer anderen Ebene viel bewegen.

Was wollen Sie als Arbeitnehmervertreter noch erreichen, wie lange wollen sie noch an der Spitze des ÖGB stehen?

Loacker: Wichtig ist mir, dass in der Firma ein geordneter Übergang stattfindet. So etwas Ähnliches wird im Bereich ÖGB und Produktionsgewerkschaft auch irgendwann kommen.

Sie sind auch Mitglied der SPÖ, wie geht es mit Ihrer Partei weiter?

Loacker: Ich war immer ein großer Bruno-Kreisky-Fan. Bei ihm hatte ich das Gefühl, da ist ein Regierungschef, zu dem man aufschauen kann. Wenn ich die Persönlichkeiten anschaue, die dann nach ihm kamen, bin ich als Österreicher mehr denn je stolz auf diesen Kanzler. Werner Faymanns erste Maßnahme im Jahr 2008 war, dass er Egon Blum als Regierungsbeauftragten nicht mehr gebraucht hat. Ich habe ihm deshalb einen bitterbösen Brief geschrieben, darauf aber nie eine Antwort bekommen. Ich glaube, er hat in den eigenen Reihen Leute, die Schreiben bewusst nicht weiterleiten. Lobende Worte finde ich für die Steuersenkung, mit dem einzigen Schönheitsfehler, dass die kalte Progression nicht wegkommt, und dass die Regierung sie bereits im Frühjahr beschlossen hat, sie aber frühestens im Jänner 2016 spürbar ist. Viele Menschen haben das also schon wieder vergessen. Schade, denn da hätte sich die Regierung profilieren können.

Die Anzahl der Verhandlungsrunden sagt nichts darüber aus, ob das Ergebnis fünf Mal so gut ist.

Norbert Loacker in der Produktion von Grass. Er selbst ist gelernter Werkzeugmacher. Für ihn ein Traumberuf.
Norbert Loacker in der Produktion von Grass. Er selbst ist gelernter Werkzeugmacher. Für ihn ein Traumberuf.

ÖGB in Zahlen

» Gründung ÖGB Vorarlberg: 29. September 1945

» Teilgewerkschaften: 7 (Pro Ge, GPA-djp, GÖD, GdG, Gewerkschaft Bau Holz, Vida, GPF)

» Mitglieder ÖGB Vorarlberg: 24.446, Österreich: ca. 1,2 Millionen

Leitung: Vorsitzender Norbert Loacker, Geschäftsführerin Manuela Auer

ÖGB in Zahlen

» Gründung ÖGB Vorarlberg: 29. September 1945

» Teilgewerkschaften: 7 (PRO-GE, GPA-djp, GÖD, GdG, Gewerkschaft Bau Holz, Vida, GPF)

» Mitglieder ÖGB Vorarlberg: 24.446, Österreich: ca. 1,2 Millionen

Leitung: Vorsitzender Norbert Loacker, Geschäftsführerin Manuela Auer

Zur Person

Norbert Loacker

Landesvorsitzender Österreichischer Gewerkschaftsbund (ÖGB), Betriebsratschef und Aufsichtsrat Grass GmbH; Landesvorsitzender PRO-GE Vorarlberg

Geboren: 26. 10. 1952

Ausbildung: Ausbildung zum Werkzeugmacher Grass GmbH Höchst, Sozialakademie Mödling

Laufbahn: 1981–1986: Betriebsrat bei Grass, seit 1986 Betriebsrats­vorsitzender; seit 1992 Landesvorsitzender PRO-GE Vorarlberg, seit 1995 Vorsitzender des ÖGB Vorarlberg, seit 2009 Mitglied des PRO-GE-Präsidiums

Familie: verheiratet, zwei Töchter, zwei Enkelkinder