Andreas Scalet

Kommentar

Andreas Scalet

Die EU ist jetzt wichtiger denn je

28.10.2015 • 21:26 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Es ist wirklich kein schönes Bild, das die Europäische Union derzeit bietet. Tiefe Gräben tun sich auf, Solidarität scheint unter den 28 Mitgliedstaaten derzeit ein Fremdwort zu sein. Das Flüchtlingsdrama zeigt, wie weit die Länder der schnell gewachsenen Gemeinschaft auseinander-klaffen, wenn es um die Bewältigung von Krisen geht.

Für die üblichen Verdächtigen ist deshalb jetzt endgültig klar: Es ist Zeit, das Experiment EU abzubrechen, jetzt gehe es darum, die Grenzen dichtzumachen und auch den Nachbarn die Türe vor der Nase zuzuschmeißen. Viele Bürger gehen den Schwarzmalern auf den Leim und verlieren den Glauben an ein Projekt, das Frieden auf den alten Kontinent brachte. Und großen Wohlstand – vor allem in Österreich.

Doch eines ist klar, das zeigt sich in Ausnahmesituationen: Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, wie sich die Union lange Jahre nannte, hat ihre schwierigen Jahre noch lange nicht hinter sich und braucht immer noch ordentlich Schwung, um sich langfristig zu etablieren. Sie hat große Aufgaben vor sich, die nur zu bewältigen sind, wenn auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen stimmen.

Gerade hat nämlich die renommierte Bertelsmann-Stiftung eine Studie zur sozialen Gerechtigkeit vorgestellt, die alle Alarmglocken schrillen lässt. Kinder und Jugendliche sind dieser Untersuchung zufolge die größten Verlierer der Wirtschafts- und Schuldenkrise der vergangenen Jahre in der EU. 26 Millionen von ihnen seien von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Fast 30 Prozent aller unter 18-Jährigen in Europa. Weit über fünf Millionen der Jungen finden weder Arbeit noch Ausbildung. 

Diesen Jugendlichen eine Perspektive zu geben, wird darüber entscheiden, ob das Projekt Europa schlussendlich klappt. Und dafür müssen die Voraussetzungen geschaffen werden. Die Rahmenbedingungen für Betriebe zu verbessern und ein unternehmerfreundliches Umfeld zu schaffen, das beflügelt auch das Projekt Europa. Statt sich gegenseitig zu behindern, müssen die Grundfreiheiten im Waren- und Personenverkehr umgesetzt werden. Das schafft die wirtschaftliche Basis, um Wohlstand, um materielle Sicherheit zu schaffen. Und auch dafür, anderen Asyl anzubieten, wenn es notwendig ist.

Die Wirtschaftsgemeinschaft ist Basis der Wertegemeinschaft. Und auch wenn noch nicht alles so gelingt, wie sich wir Bürger das vorstellen, muss doch klar sein: Nur gemeinsam sind die Herausforderungen der Zukunft zu schaffen, nur gemeinsam wird die nächste Generation Europas eine Perspektive haben.

Die EU hat große Aufgaben vor sich, die nur zu bewältigen sind, wenn die wirtschaftlichen Voraussetzungen stimmen.

andreas.scalet@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-862