Nicht billig, aber doch attraktiv

Markt / 03.11.2015 • 22:22 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Christian Fegg, Peter Scherbaum (Standortleiter Bregenz) und Robert Karas. Foto: VN/Paulitsch
Christian Fegg, Peter Scherbaum (Standortleiter Bregenz) und Robert Karas. Foto: VN/Paulitsch

Schoellerbank baut weiter auf Qualitätsaktien. Jahresendrallye an den Märkten möglich.

Bregenz. Die Österreicher wurden zwar immer schon zur Sparsamkeit erzogen, weniger jedoch zum Investieren. Während in den USA 50 Prozent der Menschen Aktien halten, sind es hierzulande unter zehn Prozent. Dabei würde das Niedrigzinsniveau den Aktien eigentlich in die Karten spielen. Aber da könne man sich oft den Mund fusselig reden, sprechen zwei Experten aus der Praxis. Christian Fegg ist Vorstandsdirektor der Schoellerbank Invest, Robert Karas der Leiter des Asset Managements der österreichischen Privatbank, die knapp zehn Milliarden Euro an Kundenvermögen verwaltet.

Aktien seien zwar Schwankungen unterworfen, bieten aber Vorteile. Man kann sie bei Bedarf zu Geld machen, kann breiter diversifizieren und über Regionen und Währungen streuen. Exemplarisch dafür ist eine Berechnung: Wer im Jahr 1926 einen Betrag von 100 US-Dollar investiert hätte, hätte heute ein Vermögen von 460.000 US-Dollar bei Aktien, 15.000 US-Dollar bei Anleihen und 600 US-Dollar bei Gold. Im Gegensatz zu Anleihen, die kursmäßig explodiert sind und die man aktuell sehr teuer kauft, gebe es aktuell nach wie vor Qualitätsaktien, die zwar nicht billig, aber dennoch fair bewertet sind. „Die Renditen liegen nicht mehr wie früher bei zehn Prozent, aber immerhin noch zwischen vier und acht Prozent“, erklärt Christian Fegg im VN-Gespräch.

Qualität oberstes Gebot

Ausgesucht werden die Aktien im Schoellerbank-Portfolio nach verschiedenen Kriterien. Die oberste Maxime ist Qualität. Das Unternehmen muss neben einer soliden Bilanz beispielsweise einen langfristig verteidigbaren Wettbewerbsvorteil haben. Die Kunst bestehe darin, Nein zu sagen und Titel wegzulassen, auch wenn sie wahnsinnig spannend klingen.

Qualitätsaktien mit Abschlag kaufen, das könne man derzeit in der Energiebranche. „Wir haben Anfang 2015 unsere Öl- und Energieaktien reduziert, seither hat sich aber preismäßig viel getan, sodass wir im September die Quote bei Exxon zum Beispiel wieder erhöht haben. Neu aufgenommen haben wir Schlumberger, das weltweit größte Unternehmen für Erdölexplorations- und Ölfeldservice“, erklärt Robert Karas. Im Rohstoffsektor finde man indes aktuell sehr wenige interessante Einzelaktien. Dafür seien in Asien aktuell Titel von Weltmarktführern billig zu haben. „Wir würden niemandem empfehlen, antizyklisch in China zu kaufen, nur gesamt im Rahmen eines Asien-Portfolios“, rät Karas. In Russland, dem aktuell wahrscheinlich billigsten Markt der Welt, investiert die Schoellerbank nicht, genauso wenig wie in Automobilhersteller. Nicht analysierbar und mit riesigem Kapitalbedarf – das sind die Hauptgründe, die dagegen- sprechen.

Keine Extrempositionen

Wichtig sei nur, keine Extrempositionen einzunehmen. „2008 galt Gold als sicherer Hafen, das war eine riskante Strategie. Heute sehen das nur noch wenige als Krisenwährung. Andere setzen auf norwegische Anleihen, aber die Krone kann wegen der Ölkrise jederzeit abschwächen“, gibt Robert Karas zwei Beispiele. Diese Dinge können zwar einen Platz in der Anlagestrategie haben, allerdings sollte man breit diversifizieren.

Zu einer solchen Streuung gehören auch Immobilien. Bei Immobilien-Investitionen sind die Schoellerbank-Experten jedoch weitaus weniger optimistisch, weil sie gegenüber anderen Anlageformen wohl an Attraktivität verlieren werden. Denn die Steuerreform wird Immobilienvermögen und –transaktionen höher besteuern. Dazu kommt, dass der Staat einen immer höheren Kapitalbedarf hat. In der Eurozone liegt die Gesamtverschuldung bei rund 450 Prozent der Wirtschaftsleistung. Dazu wird das Pensions- und Sozialsystem immer schwieriger finanzierbar. Letztlich werde es also immer die Immobilienbesitzer treffen, ist Christian Fegg überzeugt.

Endrallye möglich

Und wie wird der Herbst an den Märkten? Steht eine Jahresendrallye an den Börsen bevor? Die Sentiment-Indikatoren, also die Stimmungen der einzelnen Akteure am Markt, sprächen zumindest dafür. Fegg und Karas sind optimistisch gestimmt. Die Märkte werden klettern. Zudem werden einige Firmen Aktienrückkäufe tätigen, was zu einem kleinen Schub führt. Der Optimismus sei jedoch „mit aller Demut und Vorsicht versehen“, denn man wisse letztlich nie, was passiere.