Vorsorge sichert ein Altern in Würde

Markt / 04.12.2015 • 18:22 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die rechtliche Vorsorge gewinnt auch in Vorarlberg immer mehr an Bedeutung.
Die rechtliche Vorsorge gewinnt auch in Vorarlberg immer mehr an Bedeutung.

In jedem Alter kann die rechtliche Vorsorge schlagartig wichtig werden.

Bregenz. Die österreichische Bevölkerung wird immer älter. Das Durchschnittsalter von Männern liegt aktuell bei 78,5 Jahren, Frauen werden im Durchschnitt 83,6 Jahre alt. Für 2050 ist ein weiterer Anstieg des Durchschnittsalters für beide Geschlechter um jeweils rund 4,5 Jahre prognostiziert.

Die Herausforderungen für eine immer älter werdende Bevölkerung sind nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für jeden Einzelnen groß. Die entscheidende Frage lautet: Wie können wir in Würde altern?

Die VN führten darüber mit dem Bregenzer Notar Dr. Michael Gächter das folgende Gespräch.

Wann soll man mit der rechtlichen Vorsorge beginnen?

Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass nur ältere Menschen ein Dokument zur Selbstbestimmung benötigen. Auch in jungen Jahren kann rechtliche Vorsorge schlagartig wichtig werden. Unfälle und unvorhergesehene Erkrankungen treffen auch junge Menschen und werfen sie aus dem Leben. Die rechtliche Vorsorge ist ein wichtiger Beitrag, den wir Notare mit unseren Dienstleistungen erbringen können. Dazu zählen:

» die Vorsorgevollmacht: Ein Dokument der Selbstbestimmung.

» das Testament, mit dem der Familienfrieden durch Rechtsfrieden gesichert wird, und

» die Patientenverfügung, mit der die Grenzen der eigenen medizinischen Behandlung selbst bestimmt werden.

Was ist die Vorsorgevollmacht?

Mit der Vorsorgevollmacht bestimmt eine Person, wer in ihrem Namen handeln und Entscheidungen treffen darf, wenn sie selbst nicht mehr in der Lage dazu ist. Sie bestimmt:

» wer die Person ihres Vertrauens ist,

» wer welche Entscheidungen treffen und welche Geschäfte in ihrem Namen durchführen darf,

» wann diese Vollmacht in Kraft tritt

» und vor allem: der Einzelne trifft diese Entscheidungen selbst, bevor es jemand anderer (z.B. das Gericht) für ihn tun muss.

Typische Anwendungsfälle einer Vorsorgevollmacht sind die folgenden:

» Wer erledigt die Bankgeschäfte?

» Wer veranlasst notwendige ärztliche Behandlungen?

» Wer stellt die Pensions- oder Pflegegeldanträge?

Welche Rolle kommt dabei den Notaren zu?

Der Notar weiß aus seiner Erfahrung, wie wichtig gerade auch in diesem Bereich individuelle Antworten und maßgeschneiderte Lösungen sind. Er gibt die Antwort dort, wo Lebensfragen zu Rechtsfragen werden. Eine umfassende Beratung ist in diesen sensiblen Bereichen sehr wichtig.

Wer garantiert, dass der geäußerte Wille nicht nur auf dem Papier steht?

Der Notar hilft nicht nur, eine Vorsorgevollmacht zu verfassen, er sorgt auch dafür, dass diese auffindbar ist. Jede Vorsorgevollmacht, die beim Notar hinterlegt ist, kann im Österreichischen Zentralen Vertretungsverzeichnis (ÖZVV) registriert werden. Somit wird dafür gesorgt, dass der Wille nicht nur auf dem Papier steht, sondern im Falle des Falles auch gefunden wird.

Im Zentralen Vertretungsverzeichnis kann auch registriert werden, wann eine Vorsorgevollmacht wirksam wird, wer als Sachwalter bestimmt wird, durch welche Angehörigen man nicht vertreten werden will und natürlich auch, wenn eine Vollmacht widerrufen wird.

Welche Vorteile ergeben sich sonst noch durch die Registrierung?

Durch die Registrierung kann das Gericht jederzeit innerhalb von Sekunden feststellen, ob eine Vorsorgevollmacht besteht und ob daher zum Beispiel überhaupt ein Sachwalter bestellt werden muss. Das spart für alle Beteiligten Zeit, unnötige Wege und damit Kosten und gibt die Gewissheit, dass der Wille im Vorsorgefall bekannt und gültig ist.

Was ist die „Sachwalterschaft“?

Wenn keine Vorsorgevollmacht erteilt wurde, wird im Bedarfsfall bei „Geschäftsunfähigkeit“ vom Gericht ein Sachwalter bestellt. Er erledigt im Namen der Person, für die er bestellt ist, die Rechtsgeschäfte, für die er vom Gericht beauftragt ist. Die Sachwalterschaft wird häufig von Ämtern, Banken, Krankenhäusern oder Heimen angeregt, um sich bei finanziellen oder medizinischen Angelegenheiten abzusichern.

Was kann man machen, wenn man mit der gesetzlichen Erbfolge nicht einverstanden ist?

In diesem Falle kann eine Person durch ein Testament seine eigenen Wünsche festlegen. Doch wie muss der letzte Wille abgefasst sein? Wie viele Zeugen sind notwendig? Wer hat Anspruch auf einen Pflichtteil? Und können bestimmte Personen einfach enterbt werden? Das sind nur einige Fragen, die vor dem Verfassen eines Testaments berücksichtigt werden sollten. Durch seine tägliche Praxis in allen Fragen rund um das Erbrecht ist der Notar auch dafür ein kompetenter Ansprechpartner. Er klärt im individuellen Beratungsgespräch alle Fragen und trägt mit seinem Know-how zur gewünschten Lösung bei.

Jedes Testament, das beim Notar hinterlegt ist, wird im Österreichischen Zentralen Testamentsregister registriert. So kann vorgesorgt werden, dass der letzte Wille im Todesfall bekannt wird. Das Register enthält nicht die Urkunden oder deren Inhalt, sondern nur Angaben darüber, von wem das Testament stammt und wo die Urkunde verwahrt wird.

Wie kann man selbst bestimmen, wo die Grenzen der medizinischen Behandlung liegen?

Mit der „Patientenverfügung“. Das ist die schriftliche Erklärung, dass bestimmte medizinische Maßnahmen nicht durchgeführt werden sollen. Die verbindliche Patientenverfügung muss unter Beiziehung eines Arztes einerseits und eines Notars, Rechtsanwaltes oder rechtskundigen Mitarbeiters der Patientenvertretung andererseits errichtet werden. Wenn alle diese Formvorschriften eingehalten werden, ist die Patientenverfügung für den jeweiligen behandelnden Arzt fünf Jahre lang verbindlich.

Jede Patientenverfügung, die bei einem Notar errichtet wird, kann auf Wunsch in das Patientenverfügungsregister des österreichischen Notariats eingetragen werden.

Sind die Vorarlberger besonders vorsorge­bewusst?

Die Vorarlberger sind durchaus sehr vorsorgebewusst. Schon alleine deswegen, weil viele Vorarlberger ein Haus oder eine Wohnung ihr Eigen nennen. Hier ist der Wunsch nach Selbstbestimmung sehr spürbar. Dies gilt vor allem für das Testament, also die Regelung der Erbfolge. Aber auch Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen werden immer mehr nachgefragt und auch errichtet.

Die Vorarlberger sind durchaus sehr vorsorgebewusst.

Dr. michael gächter
Notar Dr. Michael Gächter (Bregenz). Foto: vn/paulitsch
Notar Dr. Michael Gächter (Bregenz). Foto: vn/paulitsch

Zahlen und Fakten

» In Österreich bestehen bereits knapp 60.000 Sachwalterschaften, die Tendenz ist stark steigend.

» 85 Prozent der Österreicher haben kein Testament

» Im Zentralen Testamentsregister sind derzeit 2,1 Millionen letztwillige Verfügungen eingetragen

» Im ÖZVV sind derzeit rund 60.000 Vorsorgevollmachten registriert, 2014 kamen fast 12.500 neu dazu, monatlich gibt es derzeit 1200 neue Registrierungen.