„Heute ist fast nichts mehr, wie es war“

21.04.2017 • 17:47 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Im Bereich Umwelt nimmt Collini eine Führungsposition ein.
Im Bereich Umwelt nimmt Collini eine Führungsposition ein.

Hohenems. Johannes Collini ist seit 1977 im Familienunternehmen tätig, seit 1991 als Vorstandsvorsitzender. Im Interview spricht er über Digitalisierung, veränderte Zeiten und darüber, was er von der Diskussion um Grund und Boden hält.

Wie reagiert ein Hightechbetrieb wie Collini auf Digitalisierung und Industrie 4.0?

Collini: Wir beschäftigen uns schon viele Jahrzehnte mit dem Thema Digitalisierung. Unsere Maschinen sind Spielzeuge, bei denen verschiedene Komponenten miteinander arbeiten und eine Vielzahl an Daten abliefern. Dadurch dass wir uns auch immer als integraler Bestandteil unserer Kunden gesehen haben, hatten wir schon Anfang der 1990er-Jahre die ersten elektronischen Verbindungen mit unseren Kunden. Gerade haben wir eine neue Anwendung geschaffen, mit der der Mitarbeiter über eine App ins System eingreifen kann, wenn es eine Abweichung zum Standardprozess gibt.

Als Sie im Jahr 1977 im Unternehmen anfingen, war Collini wahrscheinlich eine völlig andere Firma.

Collini: Bei den Mengen machen wir heute an einem Tag mehr als damals im ganzen Jahr. Wir waren ein lokales Unternehmen, das seine Kunden zum größten Teil in Österreich hatte. Ländergrenzen waren damals im Handelsverkehr Barrieren. Man hat im Wesentlichen einschichtig gearbeitet. Alle Mitarbeiter sind zum Mittagessen nach Hause gegangen, Rechnungen hat man noch mit der Schreibmaschine geschrieben und das Bier-Auto lieferte damals jeden Tag frisches Bier, was heute vollkommen unvorstellbar ist. Heute ist fast nichts mehr so, wie es damals war. Die große Veränderung vom lokalen handwerklichen Denken zur industriellen Denkweise mit Blick über die Grenzen kam dann in den 1980er-Jahren.

Auch mit Blick auf den EU-Beitritt?

Collini: Wir haben politische Veränderungen immer verfolgt. Als die Diskussion um den EU-Beitritt anfing, habe ich einen Vortrag dazu gehört, und mir wurde klar, dass, wenn Österreich der EU beitritt, kein Stein mehr auf dem anderen bleiben kann. Auch mit einem schönen Marktanteil in Österreich wäre man in der EU unter der Wahrnehmungsgrenze. Collini kannte man in Vorarlberg, in Ravensburg nicht mehr. Deshalb sind wir nach Lindau aufs Postamt und haben Telefonbücher nach potenziellen Märkten durchsucht. So sind wir bereits vor dem EU-Beitritt nach Deutschland und in die Schweiz und haben uns damit eine gute Ausgangsposition geschaffen.

Heute hat Collini 13 Standorte auf zwei Kontinenten. Gerade wurde ein neues Werk in Mexiko in Betrieb genommen.

Collini: Die erste große Änderung mit einer anderen Kultur und Sprache war der Gang nach Russland. Dort haben wir vieles gelernt und haben nun auch den Weg über den Atlantik gewagt. Ein Stammkunde hat uns gebeten, ihm nach Mexiko zu folgen. Dort produzieren wir seit 1. März und sind auf gutem Wege. Das Ziel ist, als ortsansässiges Unternehmen anerkannt zu werden, das auf die Ressourcen einer Gruppe zugreifen kann, und Marktführer zu werden. Vielleicht gehen wir künftig auch in die USA und nach Asien, denn unsere Kunden verteilen sich immer mehr auf dem gesamten Globus.

Bekommt man dadurch eine andere Sichtweise auf den Standort Vorarlberg?

Collini: Wenn man in der Welt unterwegs ist, bekommt man insgesamt eine andere Sicht. In Russland zum Beispiel geben einem die Frauen nicht die Hand. Sonst sind die Russen vom Denken und vom Arbeiten her gleich fleißig wie die Vorarlberger. Als Kind musste ich immer die Hand auf den Tisch legen. In Indien haben alle die linke Hand unterm Tisch. Und so gibt es in jedem Land Dinge, die gleich sind wie bei uns, und Dinge, die völlig anders sind. Wenn man den Blick auf Vorarlberg legt, kann man in Summe sagen: Vorarlberg gehört zu den weltbesten Regionen. Wir haben viele Weltmarktführer, eine wunderbare Umwelt, ein gutes kulturelles Angebot und einen hohen sozialen Frieden. Der Nachteil, den Österreich hat, ist die ausufernde Bürokratie. Hinter jedem Bürger vermutet man einen potenziellen Gesetzesbrecher.

Die Oberflächentechnik ist auch aus Umweltgründen ein anspruchsvolles Betätigungsfeld. Steht man da unter besonderer Beobachtung?

Collini: Die ersten Umweltbewegungen gab es in der Zeit, in der ich Jugendlicher war. Dafür war ich offen. Somit haben wir im Unternehmen das als Chance angesehen, hier eine Führungsposition einzunehmen. Wie sich Behörden verhalten, hat immer auch damit zu tun, mit welchem Credo man sein Geschäft gestaltet. So kann die Behörde zum Fachexperten werden, der mit dem Unternehmen gemeinsam nach besten Lösungen sucht. Wir erachten das, was im Umweltbereich im Wesentlichen getan wird, als notwendig. Bei der Energieeffizienz bin ich mir nicht sicher, ob das alles sinnvoll ist.

Eine große Diskussion ist derzeit jene um Grund und Boden.

Collini: Früher haben sich Baubescheide damit beschäftigt, wie viel Kies und Stahl man verwenden darf, weil das Mangelgüter waren. Luft, Boden und Wasser waren es damals nicht, die Ressourcen waren ausreichend vorhanden. Wenn es dann passiert, dass dies zum Mangelgut wird, tun wir uns aus Sicht der Wirtschaft schwer. Und für den Ersten, den es trifft, ist es natürlich furchtbar. Ich glaube, dass man in Vorarlberg, aufgrund der hohen Intensität an Bewirtschaftung auf wenigen Quadratmetern, ganz besondere Aufmerksamkeit darauf legen muss. Mittelfristig wird es zum Beispiel nicht gehen, dass Fabriken oder Fachmarktzentren ihre Parkplätze rund herum bauen. Das Thema betrifft auch andere Bereiche: Wenn man noch genauer messen kann, wird der Bodensee irgendwann vielleicht keine Trinkwasserqualität mehr aufweisen.

Im Bereich Umwelt haben wir viele Initiativen gesetzt, um einen positiven Beitrag zu leisten.

Johannes Collini stieg 1977 ins Familienunternehmen in Hohenems ein, das seither eine rasante Entwicklung erlebt hat. Gerade wurde ein Werk in Mexiko in Betrieb genommen. Fotos: VN/Paulitsch
Johannes Collini stieg 1977 ins Familienunternehmen in Hohenems ein, das seither eine rasante Entwicklung erlebt hat. Gerade wurde ein Werk in Mexiko in Betrieb genommen. Fotos: VN/Paulitsch

Kennzahlen

» Gegründet: 1898

» Branche: Metall/Oberflächenveredelung

» Eigentümer: Familien Collini und Drexel

» Geschäftsführung Collini Holding: Johannes Collini, Peter Puscharski

» Umsatz 2016: 190 Millionen Euro (+3,3 %)

» Mitarbeiter: 1427,
davon 46 Lehrlinge

» Produktionsstandorte: 13 in 7 Ländern

Zur Person

Geboren: 19. August 1953 in Hohenems

Familie: verheiratet mit Alwera, zwei Kinder

Ausbildung: Volksschule in Hohenems, Realgymnasium in Dornbirn, Studium Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Graz, Meisterprüfung als Galvaniseur

Karriere: 1976/77 Bug Alutechnik, ab 1977 Collini

Engagements (u. a.): VEM-Vorsitzender, Obmann-Stv. Metallwarenindustrie Österreichs

Hobbys: Sport