Kommentar

Hannes Androsch

„Kurz-Schlüsse“

Im aktuellen OECD-Migrationsbericht trat Österreich mit einem Negativrekord hervor: Bei zwölf von 16 Indikatoren zur Integration liegen wir unter dem Durchschnitt. Besonders brisant: Österreich hat nicht nur den höchsten Anteil an Zuwanderern, die sich hier nicht zugehörig fühlen, sondern auch einen überdurchschnittlich hohen Anteil an geringqualifizierten Immigranten.

Zeitgleich machte unser Land im Jubiläumsjahr der UN-Menschenrechtserklärung Schlagzeilen mit inhumanen und ökonomisch törichten Abschiebungen integrationswilliger Lehrlinge sowie Stacheldraht-Quartieren für jugendliche Asylwerber. Und als hätte es noch eines weiteren Beweises bedurft, dass die Politik der Regierung rein ideologisch motiviert und damit bar jeder Vernunft ist, verweigerte sie auch die Unterzeichnung des UN-Migrationspaktes und verhinderte damit ausgerechnet während unserer Ratspräsidentschaft eine koordinierte Politik der EU.

Das Versagen der österreichischen Integrationspolitik ist damit offensichtlich. Verantwortlich hierfür war übrigens Bundeskanzler Kurz: von 2011 bis 2017 zuerst als Integrationsstaatssekretär, dann als Minister für Europa, Integration und Äußeres.

Dabei hätte unser Land eine ideologiefreie, wissenschaftlich basierte Integrationspolitik dringend notwendig, auch und gerade im wohlverstandenen Eigeninteresse. Die schlechten Ergebnisse vieler Zuwanderer bei Bildung, Qualifikation und insgesamt die mangelnde Chancengleichheit spiegeln auch das Versagen des heimischen Bildungssystems wider: zu wenige Ganztagesunterrichtsformen und elementarpädagogische Vorschulbetreuung, obwohl diese entscheidend hinsichtlich Chancengleichheit für alle Kinder sind, und auch zu wenig Unterstützungspersonal an Schulen. Das Ergebnis: Rund ein Fünftel der Pflichtschulabgänger kann nicht ausreichend lesen, rechnen und schreiben – und bildet damit ein Reservoir künftiger Sozialhilfeempfänger. Gleichzeitig fehlen den Firmen hierzulande immer öfter ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte.

Die Antwort der Regierung hierauf wurde kürzlich mit dem „Bildungspaket“ gegeben. Unter Ignorierung der Forderungen des Bildungsvolksbegehrens steht es unter dem Motto „Vorwärts zurück in die Vergangenheit“, werden doch wieder Ziffernnoten, Sitzenbleiben und Leistungsgruppen eingeführt, obwohl dies allen wissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht. Der Gipfel aber sind die geplanten „Kompetenzmessungen“ in der 3. Schulstufe, die über den weiteren Bildungsweg entscheiden sollen und damit eine noch frühere Selektion bedeuten. Das ist Politik betrieben auf Basis von Glaubenssätzen anstelle von Fakten, ausgetragen auf dem Rücken unserer Kinder und weit davon entfernt, unser Bildungssystem den Erfordernissen des 21. Jahrhunderts anzupassen.

Hannes Androsch

markt@vn.at

Dr. Hannes Androsch ist Finanz­minister i. R. und Unternehmer.

„Rund ein Fünftel der Pflichtschulabgänger kann nicht ausreichend lesen.“

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