„Jeder findet seinen Weg“

Markt / 07.03.2019 • 22:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Elmar Herburger, Thomas Hilbrand, Nicole Okhowat-Lehner und Harald Furtner.
Elmar Herburger, Thomas Hilbrand, Nicole Okhowat-Lehner und Harald Furtner.

Tourismusausbildung Gascht hat trotz Erfolg der Lehre nicht geschadet. Im Gegenteil.

Hohenems Sophia (16) war gerade mit ihrer Mutter zu Hause in Innerberg am Kochen, als sie den Werbespot im Radio hörte. Darin wurde die Gascht, die neue Gastgeberschule für Tourismusberufe, beworben. Für die Montafonerin war das die Initialzündung, sich zu bewerben. „Ich wollte keine Lehre machen und keine klassische Schule besuchen. Ich habe mir dann die Gascht angeschaut und es hat mir gleich zugesagt“, sagt sie im VN-Gespräch. Heute ist Sophia in der zweiten Klasse, hat neben der theoretischen Ausbildung bereits verschiedene Betriebe kennengelernt und wird bald im Hotel Fernblick in Bartholomäberg ihre Praxiszeit starten.

Die Idee der Gascht entstand 2012 im Rahmen der Tourismusstrategie. Der Bedarf an Fachkräften führte die Verantwortlichen der Sparte Tourismus in der Wirtschaftskammer dazu, in der Ausbildung einen völlig neuen Weg einzuschlagen. „Wir haben gemerkt, das wird das größte Problem der Zukunft“, erklären Spartenobmann Elmar Herburger (Mohren, Rankweil) und Spartengeschäftsführer Harald Furtner. Bis zum tatsächlichen Start dauerte es dann noch fünf Jahre, denn die neue Ausbildung passte zunächst nicht ins normale Schulsystem.

Auch mehr Lehrlinge

Heute ist die Gascht im zweiten Jahr und bildet an den drei Schulstandorten Bludenz, Bezau und Hohenems 129 junge Menschen aus. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt Herburger und freut sich auch darüber, dass allen Unkenrufen zum Trotz die Befürchtung nicht eingetreten ist, dass durch die Gascht die Lehre an Bedeutung verliert. „Es gibt keine Rückgänge bei den Lehrlingen, sondern 2018 sogar ein Plus von 8,05 Prozent im ersten Lehrjahr.“ Man merke insgesamt ein positiveres Image der touristischen Ausbildung.

Die duale Berufsausbildung in der Gascht dauert vier Jahre. Das erste Jahr gilt der Orientierung. Hier wird der persönliche Ausbildungsweg geplant. Danach entscheidet man sich für eines der drei Module (Service & Gastgeberkompetenz, Rezeption & Hotelmanagement oder Küche & Kulinarik). Dazu kommen Wahlmodule wie Foodfotografie, Theater oder Sprachen. Die Praktika werden in Tourismusbetrieben, bei Weinbauern oder etwa einer Sennerei absolviert. Zudem kann man Zertifikate als Käsekenner oder Jungsommelier erwerben und am Ende haben die Schüler sowohl den Hotelfachschul- als auch den Lehrabschluss.

Der Fokus liegt neben dem hohen Anteil an Praxiszeit auch darin, das Lernen erlebnisorientiert zu gestalten und die Talente der Schüler zu fördern. „Jeder findet seinen Weg“, sagt Sophia über die Vorteile.

Thomas Hilbrand ist Lehrer am Standort Bludenz. Aber eigentlich ist er viel mehr. Die Umstellung von der Hotelfachschule zur Gascht war für ihn spannend. „Wir haben die Möglichkeit, die Schule mitzugestalten, während das System zuvor in Stein gemeißelt war.“ Die Schüler hätten eine konkrete Vorstellung, in welche Richtung sie gehen wollen. „Für mich bedeutet das auch, mehr gefordert zu sein, sie zu ihrem Ziel zu führen. Man wird also mehr an seinen pädagogischen Fähigkeiten gemessen.“

Vernetzung wichtig

Zudem sei die Vernetzung mit den Betrieben stärker. Hilbrand ist in der unterrichtsfreien Zeit als Coach unterwegs und führt Gespräche in den Ausbildungsbetrieben. „Wir fahren zu jedem einzelnen“, verdeutlicht Direktorin Nicole Okhowat-Lehner, denn Schüler und Betrieb sollen gut zusammenpassen. Deshalb ist für sie die Gascht auch nicht mit anderen Tourismusausbildungen vergleichbar. Zu vieles ist neu oder anders in der kostenlosen Privatschule, die künftig auch Quereinsteigern offensteht und zudem die Möglichkeit der Berufsreifeprüfung bietet. Genauso wird ständig an den Inhalten gearbeitet. So können in der Fleischerei der Landwirtschaftsschule die eigene Wurst hergestellt oder beim Biologie- und Geografieunterricht mit der Inatura Wiesen, Berge und Seen erlebt werden.

Aktuell laufen die Bewerbungen für das kommende Schuljahr. Das Interesse ist groß. Man rechnet mit 90 weiteren Schülern an den drei Standorten. Elmar Herburger ist davon überzeugt, dass die beiden Ausbildungswege Gascht und Lehre zusammen zu neuen Höchstständen in der touristischen Ausbildung führen werden. Bald werden sie auch unter einem Dach vereint sein. In Hohenems entsteht ein gemeinsamer Campus für Gascht und Landesberufsschule. Politisch ist das Projekt entschieden. Elmar Herburger hofft auf einen Einzug im Herbst 2022.

Sophia aus Innerberg ist im zweiten Jahr Schülerin der Gascht. VN/PAulitsch
Sophia aus Innerberg ist im zweiten Jahr Schülerin der Gascht. VN/PAulitsch

Fakten

Lehrlinge 188 im ersten Lehrjahr (+8,05 %), gesamt 491

Gascht 129 Schüler in zwei Klassen, 90 weitere kommen heuer dazu