Getzner Textil-Chef Roland Comploj über Erfolgsstrategien

Markt / 18.03.2019 • 06:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Roland Comploj führt das Familienunternehmen Getzner Textil in siebenter Generation. Und will es an die nächste Generation weiterreichen. VN/Stiplovsek
Roland Comploj führt das Familienunternehmen Getzner Textil in siebenter Generation. Und will es an die nächste Generation weiterreichen. VN/Stiplovsek

Roland Comploj (39) sieht die Firma Getzner Textil für die Zukunft gut gewappnet.

Bludenz Das Bludenzer Unternehmen Getzner Textil, wichtigster Betrieb der Getzner, Mutter & Cie. Gesellschaft m.b.H. & Co. KG, ist in der europäischen Textilindustrie ein Sonderfall, ein Beispiel dafür, dass man hier doch noch mit Erfolg tätig sein kann. Die Bludenzer haben den Niedergang ihrer Branche, die über viele Jahrzehnte das Rückgrat der Vorarlberger Wirtschaft bildete, nicht nur überstanden, sie sind stärker daraus hervorgegangen. Wie das zu schaffen war. Roland Comploj, hat eine einfache Antwort auf die Frage nach dem Erfolg: „Wir waren und sind unternehmerisch mutig und wirtschaftlich maßhaltend“. Leichter gesagt als getan. Aber das weiß der Nachkomme der Gründer, der nun in siebenter Generation an der Spitze der Firma steht, selbst, denn er ist nicht nur aufgewachsen mit und im Unternehmen, er arbeitet seit dem Jahr 2013 für Getzner Textil, nachdem er zuvor neun Jahre bei einem Liechtensteiner Automotive-Unternehmen beschäftigt war.

Bewerbung beim Aufsichtsrat

Im Jahr 2017 fiel die Entscheidung, den Vorstandvorsitz mit Roland Comploj einem Familienmitglied zu überantworten. „Ich musste mich bewerben, dem Aufsichtsrat meine Ideen und die Strategie präsentierten“, berichtet er. Zuvor war mit Joe Lampert ein „Außenstehender“ Chef des Unternehmens, nach dessen Pensionierung musste also nicht unbedingt ein Familienmitglied die Führung übernehmen. Comploj hat sich bewußt für Getzner entschieden, er und seine Generation sei im Gegensatz zu früheren Generationen nicht verpflichtend in die Firma eingetreten. „Auf uns wurde kein Druck in dieser Hinsicht ausgeübt, mein Einstieg war wohlüberlegt und meine Entscheidung“, sagt er im Gespräch mit den VN.

Getzner feierte im vergangenen Jahr den 200sten Geburtstag als Familienunternehmen und hat, um Konflikte unter der immer größer werdenden familiären Aktionärsschar zu vermeiden, einen Familienkodex ausgearbeitet. Alle zwei Jahre findet außerdem ein Familienforum statt, bei dem die wichtigen Themen für das Unternehmen diskutiert werden. Sogar einen Internetauftritt mit Informationen zu Familien- und Unternehmensthemen gibt es. „Das funktioniert sehr gut und ist wichtig für die Bindung“, so Comploj. Und es ist die Basis, zur Weiterentwicklung des Unternehmens, hält eine Flanke frei, die Traditionsunternehmen schon oft ins Trudeln brachte.

Neue Standbeine

Georg Comploj will das Unternehmen „enkelfit“ machen, d. h. er will es an die nächste Generation gesund weitergeben. Deshalb gehen er und das gesamte junge und schlagkräftige Team den Weg in neue Bereiche. Der Schritt hin zu technischen Textilien ist Teil dieser Strategie. Gerade hat Getzner einen deutschen Betrieb gekauft, der neben den eigenen Entwicklungen und Produkten ein Produktportfolio bietet, das in diesem Bereich Erfolg verspricht. „Technics“ und „Mobility“ heißen diese Geschäftsfelder, die neben dem „Shirting“, also den Stoffen für Hemden und den Afrika-Damasten Getzners textile Zukunft bestimmen. Weiterentwicklung ist in allen Bereichen wichtig, denn nur höchste Qualität in Produkt und Design rechtfertigen auch die höheren Preise, die der Produktionsstandort Mitteleuropa mit sich bringt. „Starke Arbeitgebermarke“

„Starke Arbeitgebermarke“

Im Fokus des Managements steht auch die Digitalisierung und Industrie 4.0. „Wie ermöglicht man Digitalisierung, wie nutzt man die Möglichkeiten in der Logistik, wie kann man damit Kunden und Lieferanten enger an sich binden“, sind Themen, die bei Getzner intensiv umgesetzt werden, so Comploj, der wie alle Unternehmer mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen hat. „Der Markt hat sich gewandelt, heute muss sich die Firma bei den Mitarbeitern bewerben“, stellt er fest und verweist auf die Aktivitäten seines Unternehmens. „Wir verstärken ständig das Angebot der Getzner Akademie, bieten den Mitarbeitern die Möglichkeit sich ständig weiterzubilden“, Getzner haben auch die Patenschaft an der Textil HTL in Dornbirn inne. Mit einem eigenen Kindergarten und Teilzeitmodellen versuche man auch Frauen für Getzner zu interessieren. „Wichtig ist, dass wir eine starke Unternehmermarke sind“, sagt er, wohlwissend dass die Textilbranche als Arbeitgeber in den vergangenen Jahren ihre Attraktivität eingebüßt hat. Der Standort hat das nicht: Vorarlberg sei mit seiner familiären und bodenständiger Kultur ein ausgezeichneter Standort: „Das ist auch der Grund, warum sich Vorarlberg so gut entwickelt“, so Comploj.

Zur person

Geboren 1. März 1980

Ausbildung Betriebswirtschaftslehre

Laufbahn Praktika in Australien, danach neun Jahre bei Liechtensteiner Automobilzulieferer, seit 2013 bei Getzner Textil, seit 2017 Vorstandsvorsitzender

Zur Firma

Bereiche Textilindustrie

Gegründet 1819

Mitarbeiter 1588 (88 Lehrlinge)