Wieso sich Farbenhändler Jürgen Morscher Verlockungsfreiheit wünscht

Markt / 04.05.2019 • 06:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Jürgen Morscher bringt mit Farben Morscher Farbe ins Leben. VN/Lerch
Jürgen Morscher bringt mit Farben Morscher Farbe ins Leben. VN/Lerch

Jürgen Morscher (46), geschäftsführender Gesellschafter Farben Morscher, im VN-Interview.

Weiler Jürgen Morscher führt mit Farben Morscher Österreichs größten Farbenhändler. Im Interview spricht er über Konkurrenz aus dem Netz, wichtige Zukäufe und wieso er sich eigentlich ein paar Monate Verlockungsfreiheit wünschen würde.

Nicht nur der Onlinehandel, auch Baumärkte schöpfen einen guten Teil Ihres Potenzials ab. Wie begegnen Sie als Fachhändler diesen Herausforderungen?

Der Baumarkt ist ein Mitbewerber, der gleich lang am Markt ist wie wir. Mit dieser Situation sind wir somit seit jeher konfrontiert. Der Qualitätsfaktor ist dabei gar nicht wirklich vordergründig gegeben. Denn der Baumarkt hat genauso hochqualitative Produkte. Wenn man fair und direkt vergleicht, findet man dasselbe Markenprodukt sowohl im Baumarkt als auch bei uns, wobei wir nicht die Teureren sind. Allerdings läuft dort der Lockfaktor in der Werbung eher über die niedrigere Preisschiene. Der Baumarkt ist also ein starker Konkurrent, speziell was den Privatkunden angeht.

Wie ist bei Ihnen die Aufteilung zwischen Privat- und Gewerbekunden?

An Köpfen ist der Private der intensivere Besucher. Vom Umsatz betrachtet liegt der Privatkunde bei rund 33 Prozent. Der Rest sind Gewerbe/Handwerk, Industrie und Handel. Die Grundbasis bei der Gründung der Firma war klar auf den Gewerbekunden ausgerichtet. Ab dem Zeitpunkt, wo es in Richtung Verkaufsgeschäfte ging, wurde probiert, den Spagat zu schaffen, im selben Raum sowohl den Privat- als auch den Gewerbekunden zu betreuen. Der Fachberater, der den Profi beraten kann, sollte sein Wissen genauso an den Privaten weitergeben können. Jeder soll seinen Anspruch auf Beratung bekommen.

Inwieweit werden Farben mittlerweile auch online gekauft?

Sowohl als auch. Wir haben auch einen Onlineshop. Es ist ein Markt, der immer vergleichbarer und transparenter wird. Solange wir von einer normalen weißen Wand sprechen, kann man das digital abbilden. In dem Moment, wo es in in Richtung Farblogik, Haptik und Nuancen geht, wird es digital schwieriger. Früher war es wichtig, hunderttausende Dosen im Geschäft zu haben, heute ist es wichtig, dass begreif- und angreifbare Oberflächen vorhanden sind. Das heißt, große Musterflächen zu haben. Und das hat man nur im Fachgeschäft.

Ist Farben Morscher deshalb mit insgesamt 17 Filialen in Österreich vertreten?

Das Filialnetz erfüllt bei uns zwei Funktionen. Zum einen, eine möglichst regionale Nähe zum Kunden zu haben. Zum anderen hat jede Filiale eine Lagerfunktion. Der Handwerker, der in Lustenau beheimatet ist, arbeitet nicht nur auf Lustenauer Baustellen. Somit hat er die Möglichkeit, vor Ort Produkte zu beziehen.

Die Branche erlebte in Deutschland und Österreich zwischen 2012 und 2015 eine schwierige Zeit. Woran lag das?

Unser Branchensektor wurde sehr spät vom Lehman-Effekt bzw. der Finanzkrise getroffen. 2012 hat es in Deutschland angefangen und 2013 hat es sich auch bei uns extrem manifestiert. Es verschwanden nicht übermäßig viele Betriebe, vielmehr sind sie geschrumpft. Dadurch haben sich sehr viele Ein-Personen-Unternehmen gebildet. Parallel dazu gab es industrielle Entwicklungen im Halbfertigproduktsektor. Beispielsweise fertige Fassadenplatten, die industriell getönt werden. Nur weil man zwei Jahre eine Seitwärts- oder Abwärtsbewegung hat, kann man aber nicht den Kopf in den Sand stecken. Dann muss man etwas tun. Deshalb haben wir versucht, uns schlanker und kompakter aufzustellen. Zudem haben wir nicht jeden Austritt nachbesetzt.

Jürgen Morscher kann mit seinem Unternehmen auf eine lange Geschichte zurückblicken. VN/Lerch
Jürgen Morscher kann mit seinem Unternehmen auf eine lange Geschichte zurückblicken. VN/Lerch

2017 haben Sie dann zwei Firmen zugekauft.

Wir haben Ende 2017 ein Wiener und ein niederösterreichisches Unternehmen zu 100 bzw. 90 Prozent übernommen, weil sie jeweils keinen Nachfolger hatten. Da braucht man körperlich wie finanziell schon Kondition. Es ist aber auch ein strategischer Plan, das Filialnetz auszubauen und somit war es ein logischer wie sinnvoller Schritt. Das Projekt wird uns aber noch die nächsten Monate beschäftigen.

Sie haben seit 2017 mit der Firma einzA Farben auch einen Gesellschafter an Bord. Was waren Ihre Beweggründe?

Wir arbeiten seit 36 Jahren zusammen und einzA ist auch unser größter Lieferant. Irgendwann haben wir gesagt, wenn wir so weitermachen, wird uns ein Dinosaurierschicksal ereilen. Es gibt am österreichischen Markt verschiedene Farbenhändler mit stark innerfamiliärer Struktur. Wenn es in einen überregionalen Bereich geht, gibt es aber kaum einen Händler, der nicht auch Produzent ist. Das hat uns gefehlt. Alles andere wäre ein Sterben auf Raten gewesen. Es war also ein lang überlegter Schritt. Schließlich hängen bei uns auch 150 Familieneinkommen daran.

Wie blicken Sie in die Zukunft? Welche Pläne haben Sie?

Wir sind seit 2007 unruhig. Seither haben wir immer wieder einen neuen Topf auf den Herd gestellt. Egal in welcher Situation wir uns eine notwendige Konsolidierungsruhe verordnen, kommt ein spannendes Projekt daher. Eigentlich würde es allen guttun, das Beste aus der bestehenden Konstruktion zu machen. Denn neben Wachstum gehört auch wieder ein Gesundschrumpfen von allen strukturellen Klumpfüßen dazu. Mein Plan wäre also noch zwölf Monate Verlockungsfreiheit. Aber das wird wohl nicht eintreffen. Deshalb ist der Plan, ausreichend Kondition hinsichtlich Kraft und Motivation zu haben, um uns den Herausforderungen zu stellen.