„Ein Gebot der Fairness“

04.06.2019 • 20:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Vorarlberger Gewerbe und Handwerk ist Lehrlingsausbilder Nummer eins im Land. Die Fachkräfte sind auch bei anderen Branchen begehrt.WKV
Das Vorarlberger Gewerbe und Handwerk ist Lehrlingsausbilder Nummer eins im Land. Die Fachkräfte sind auch bei anderen Branchen begehrt.WKV

Deutschland debattiert Ablöse für Lehrlinge. In Vorarlberg gibt es ein anderes System.

Schwarzach 7047 Lehrlinge werden derzeit in Vorarlberg ausgebildet. Die meisten davon im Gewerbe und Handwerk, nämlich etwa 2600. Die Industrie bildet rund 1300 Mitarbeiter aus. Es könnten mehr sein, geht es nach den Wünschen der Unternehmen, doch sowohl die Demografie als auch andere Ausbildungsformen schieben dem Wunsch einen Riegel vor. Bleibt Betrieben auf der Suche nach Fachkräften oft nur das freie Spiel des Marktes. Sie versuchen die gerade ausgebildeten jungen Menschen mit attraktiven Angeboten zu locken. Zum Ärger und zum Schaden der ausbildenden Betriebe, wie der Zentralverband des deutschen Handwerks feststellt und in unserem Nachbarland einen Vorschlag macht, wie dem beizukommen wäre. Der Verband fordert eine Entschädigung, also eine Art Ablöse, für die Ausbildungsbetriebe. Immerhin kostet die duale Ausbildung im Durchschnitt 9208 Euro pro Lehrling und Lehrzeit, wie das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft vor zwei Jahren ausgerechnet hat. Nicht mitgerechnet, dass der ausgebildete Mitarbeiter ja nicht mehr zur Verfügung steht.

Konkurrenz bei Rekrutierung

Der Obmann der Sparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer Vorarlberg, Bernhard Feigl, bestätigt, dass das auch in Vorarlberg ein Thema sei. Er schlägt einen Ausgleich zwischen ausbildenden und nichtausbildenden Betrieben vor. „Das ist ein Gebot der Fairness“, so Feigl, der in seinem Betrieb selbst 15 Lehrlinge ausbildet. Er weist darauf hin, dass das Problem im Land viel früher beginne, nämlich bei der Suche nach Lehrlingen. Es sei schwierig, Firmen dafür zu bestrafen, wenn sie jemanden abwerben, wenn sie eigentlich willens waren, selbst auszubilden, aber einfach keine Lehrlinge finden konnten. Der Konkurrenzkampf, auch mit der Industrie, beginne bereits bei der Suche nach Lehrlingen, da habe oft die Industrie die Nase vorn.

Lehrlinge im Gewerbe, die ihre Ausbildung absolviert haben, seien durchaus firmentreu, denn auch im Handwerk biete man gute Ausbildung und viele Vorteile. Ein Problem sei aber, dass auch der Staat ein Auge auf den gut ausgebildeten Nachwuchs werfe. „Wer zum Beispiel Polizist werden will, muss eine absgeschlossene Berufsausbildung haben“, stellt Feigl fest.

Gegen eine Ablöse, wie sie in Deutschland in Diskussion ist, spricht sich Egon Blum, ehemaliger Ausbildungschef beim größten Lehrlingsausbilder, der Firma Julius Blum und bekannt als Österreichs Lehrlingspapst, aus. Wenn die Unternehmenskultur stimme, bleiben die jungen Menschen auch. In der Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie habe man bereits 1978 ein anderes Modell eingeführt. Wer nicht ausbildet, zahlt einen Betrag in eine Art Fonds. Mit dem Geld werden Bildungsinvestitionen jener Betriebe unterstützt, die Lehrlinge ausbilden. „Das funktioniert seit nun über 40 Jahren sehr gut“, so Blum. VN-sca

„Wie will ich ein Unternehmen denn bestrafen, wenn es keine Lehrlinge findet?“

„Industriebetriebe, die nicht ausbilden, zahlen in Vorarlberg in eine Art Fonds ein.“