Wendelin Eberle baut die Königin der Instrumente

08.06.2019 • 05:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wendelin Eberle (55) ist Eigentümer und Geschäftsführer von Rieger Orgelbau. VN/LERCH

Rieger Orgeln erklingen in Kirchen und Konzertsälen auf der ganzen Welt.

Schwarzach Wendelin Eberle (55) ist Eigentümer und Geschäftsführer von Rieger Orgelbau. Im Interview spricht er über die Königin der Instrumente, schwierige Jahre und wieso er gerne kleine Projekte realisiert.

Die Orgel gilt als Königin der Instrumente. Wie groß ist dieser Markt?

Mein ehemaliger Senior-Chef hat 1978 zu mir gesagt, ihn wundert es, dass immer noch Orgeln gebaut werden, denn man könnte meinen, der Markt sei gesättigt. Seither haben wir weit über 100 Instrumente gebaut und haben auch derzeit eine vernünftig gute Auftragslage. Das mit der Marktsättigung ist relativ. Wenn man die ganze Welt als Markt hat, tun sich immer wieder neue Felder auf. Vor einem Jahr haben wir beispielsweise die erste Kirchenorgel in China gebaut. Deshalb bin ich sehr hoffnungsvoll für die Zukunft. Dennoch wird sich der Markt etwas bereinigen, denn derzeit gibt es sehr viele Orgelbauer.

Ist es nicht ein Nachteil, dass eine Orgel jahrhundertelang in Betrieb ist?

Das stimmt zum Teil. Wir bauen qualitativ hochwertige Instrumente, die hoffentlich eine lange Lebensdauer haben. Tatsächlich gibt es aktiv bespielte Instrumente aus dem frühen fünfzehnten Jahrhundert. Allerdings, und das ist unser Vorteil, unterliegt auch die Orgel einer gewissen Zeitströmung. Die musikalische Richtung ändert sich und mit ihr die Anforderung an das Instrument. Somit gibt es immer wieder neue Projekte.

Gibt es bei der Auftragslage Schwankungen?

Grundsätzlich ja, aber wir haben das Glück, konstant ausgelastet zu sein. Das hat auch damit zu tun, dass die Orgel im Konzertsaal wieder populär wurde. Früher haben wir kaum welche gebaut, heute ist das Verhältnis zwischen Kirche und Konzertsaal fast 50:50.

Sind es insgesamt mehr neue Orgeln oder mehr Sanierungen?

Wir haben ein Verhältnis von 80 Prozent Neubau und 20 Prozent Sanierung. Stark kommen nun auch Mischformen. Es werden Instrumente so umgebaut, dass man nicht mehr von reiner Sanierung sprechen kann. Zudem werden auch alte Teile für das neue Instrument verwendet.

Gelangen alle Aufträge über Ausschreibungen zu Ihnen?

Ja, wir bekommen alle unsere Aufträge über Wettbewerbe und Ausschreibungen. Die seltene Ausnahme bilden kleine Orgeln im privaten Bereich.

Was unterscheidet Rieger Orgeln von denen des Mitbewerbs? Ist es der Klang oder das Gesamtwerk?

Das kann man schwer an einzelnen Parametern messen. 2003, als ich die Firma übernommen habe, hatten wir eine schlechte Auftragslage. Unser Strategieziel damals war, alles selbst herzustellen und das Künstlerische in den Vordergrund zu stellen. Die Technik ist wichtig und gut, aber letztlich geht es um die Musik. Wir haben begonnen, mit internationalen Organisten zusammenzuarbeiten und sind so, zusammen mit sehr guter Technik und gutem Design, wieder zurück in den Markt gekommen. Früher hat man immer gesagt, eine Rieger-Orgel muss so und so klingen. Sie muss erkennbar sein. Das war ein falscher Ansatz. Wir wollen das richtige Instrument für den jeweiligen Kunden und Aufstellungsort schaffen und das kann sehr verschieden sein. So haben nordische Länder andere Prioritäten als asiatische Länder, und es ist ein Unterschied, ob eine Orgel in einer Kirche oder einem Konzertsaal steht.

Die Orgel gilt als die Königin der Instrumente. VN/Lerch
Die Orgel gilt als die Königin der Instrumente. VN/Lerch

Sie haben schon die Lehre bei Rieger gemacht, sind seit über 40 Jahren im Unternehmen. Welche Fertigkeiten muss ein guter Orgelbauer besitzen?

Das Wichtigste ist, dass man den Beruf mag. Ich frage keinen Lehrling nach dem Zeugnis. Ich möchte erkennen, dass er das mit Leib und Seele tun will. Ich denke, wenn man handwerkliches Geschick und musikalisches Gespür hat, kann man den Rest erlernen. Wenn man etwas intensiv verfolgt, kommt ein Erfolg und das spornt wiederum an.

Finden sich für dieses Berufsbild genügend Lehrlinge?

Das ist eine Herausforderung. Man muss heute aktiv etwas tun, um Lehrlinge zu bekommen. Wir haben aktuell elf Auszubildende. Das ist ganz elementar, weil es die Zukunft der Firma sichert. Zudem ist es für mich auch eine gesellschaftliche Verpflichtung. Ich kann Betriebe nicht verstehen, die sagen, es rentiert sich nicht, auszubilden. Hätte es uns niemand gezeigt, hätten wir den Beruf nicht erlernt und dann gäbe es die Firma heute nicht mehr.

Wie kam es, dass Sie die Firma im Jahr 2003 übernahmen?

Ich wollte es eigentlich gar nicht tun. Um die Firma stand es damals nicht gut und die Zukunftsaussichten waren auch nicht gut. Ich habe es letztlich getan, damit es hier weitergeht und weil mir die Mitarbeiter zugesichert haben, dass sie sich einsetzen. Das war wichtig, denn ein halbes Jahr nach der Übernahme hat uns die Bank geknebelt und alles ist über uns zusammengebrochen. Dennoch hat niemand den Betrieb verlassen, obwohl wir keine Löhne zahlen konnten. Es war schwer, aber wir sind gemeinsam durchgetaucht.

Sie haben Orgeln für die berühmtesten Konzertsäle und Kirchen der Welt gebaut, auf welche sind Sie besonders stolz?

Wir versuchen immer unser Bestes zu geben. Wir haben viele tolle Aufträge bekommen, wie den Stephansdom oder den Mainzer Dom. Wir durften tolle Konzertsaalinstrumente bauen. Wir müssen also mehr als zufrieden sein. Was ich mir wünsche, ist, zwischendurch auch schöne, kleine Orgeln für Dorfkirchen zu bauen. Das machen wir mit dem mindestens gleich großen Engagement.