Umfrage der Industrie: stabile Konjunktur, getrübte Aussichten

Markt / 18.07.2019 • 20:31 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
In der Metallindustrie wird die Geschäftslage am negativsten eingeschätzt. VN/KH
In der Metallindustrie wird die Geschäftslage am negativsten eingeschätzt. VN/KH

Derzeit gute Auftragslage, doch Industrie rechnet mit deutlichem Abschwung.

Lustenau Die Wirtschaftsinstitute und -forscher sagen schon seit Monaten einen Konjunkturabschwung voraus. Aber an Zahlen war der bislang nicht festzumachen, die Unternehmen suchen weiter Mitarbeiter, die Quartalszahlen sind gut. Noch ist auch die Geschäftslage gut. Der Aufschwung hat in Vorarlberg angehalten. Bisher.

Doch nun legten Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer Vorarlberg die Ergebnisse der Konjunkturumfrage vor. 39 Unternehmen mit 25.050 Beschäftigten nahmen an der Umfrage teil und das Ergebnis zeigt, dass derzeit die Situation insgesamt gut ist, dass aber zumindest bis Ende Jahr auch die Wirtschaftskapitäne mit deutlichem Gegenwind rechnen. Sprich: Sie rechnen mit weniger Aufträgen und weniger Ertrag. „Man verspürt auch im eigenen Unternehmen, dass die Konjunktur nachlässt“, so Ohneberg, dessen Firma Henn als Automobilzulieferer die Unsicherheit am Markt relativ früh zu spüren bekommt.

Flankierende Maßnahmen

Der Geschäftsklimaindex der Vorarlberger Industrie, also der Mittelwert der Einschätzung zur aktuellen Geschäftslage und jener in sechs Monaten, zeigt einen Rückgang von 33,20 auf 30,90. Wirklich schlecht ist das nicht, doch Abschwung ist Abschwung. Die aktuelle Geschäftslage wird von 69 Prozent der befragten Unternehmen als gut bezeichnet, nur fünf Prozent sehen aktuell eine schlechte Geschäftslage, in sechs Monaten sind es schon elf Prozent.

Allerdings wäre gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für flankierende Maßnahmen durch die Politik, verweist Ohneberg auf die nun auf Eis liegende Steuerreform: „Unabhängig von den Parteifarben muss dieser Reformkurs und die Entlastung der arbeitenden Bevölkerung, besonders auch  der Leistungsträger, im Land weitergeführt werden.“ Von Wahlzuckerln, die später wieder alle Steuerzahler, inklusive Industrie, belasten, wolle die Wirtschaft nichts wissen. „Der Wirtschafts-, Arbeits- und Lebensstandort braucht auf Bundes- und Landesebene durchdachte, aufeinander abgestimmte Gesamtkonzepte, statt überhastete und vermeintlich populäre Beschlüsse.“ Es sei zu hoffen, dass nach der Wahl schnell eine neue Regierung die Arbeit aufnehme.

Daran, dass die Konjunktur abflaut, ist die Regierung allerdings nicht schuld. Es sei eine Summe von Unsicherheiten, die dafür verantwortlich sind: Brexit, Handelskonflikte, die Digitalisierung, Disruption in vielen Industriebranchen und auch der Fachkräftemangel.

„Wirtschaft ist Psychologie, wir müssen aufpassen, dass die Stimmung nicht kippt.“

Martin Ohneberg, Präsident Industriellenvereinigung

Den Fachkräftemarkt entspannt der erwartete leichte Durchhänger allerdings nicht, wie die Umfrage zeigt. Je nach Branche und Betrieb ist der Mangel mehr oder weniger groß. Ein großes Potenzial an Mitarabeitern sähen die Industriemanager, wenn die Kinderbetreuung verbessert würde. 92,3 Prozent der befragten Industriebetriebe sehen dies als „sehr wichtig“ oder „wichtig“ an. Es gehe darum, die Quantität und Qualität zu verbessern, die Zuständigkeiten und Finanzierung im Land zu optimieren und das Aufbrechen bisheriger Rollenbilder voranzutreiben. Eine eigene Broschüre fasst die Vorschläge zur Umsetzung dieser Forderungen zusammen.

Freihandel notwendig

Nach Branchen sieht die Geschäftslage so aus: Die Metall- und Maschinenindustrie hat diesmal nicht die besten Werte, dafür sind die Werte der Lebensmittelindustrie sehr positiv. Durchschnittlich sei die Geschäftslage in der Textilindustrie, berichtet Spartengeschäftsführer Michael Amann von der Wirtschaftskammer. Allerdings war die Einschätzung zur Ertragslage in sechs Monaten deutlich positiver. Auch aus der Elektro- und Elektroniksparte sind positive Signale zu vernehmen, so Amann bei der Präsentation der Zahlen. Die Branche zeigt sich robust, kein Unternehmen gibt eine negative Einschätzung ab. 81 Prozent sehen eine positive Entwicklung.

Die Industrievertreter nutzten die Präsentation dazu, eine Lanze für den Freihandel zu brechen. Ein exportorientierter Standort wie Vorarlberg sei darauf angewiesen. Klar sei aber, dass es dafür Regeln brauche, präzisiert Amann die Forderung.