Digitalisierung? Ein Modewort!

Markt / 27.09.2019 • 21:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Digital Leadership Day im Fotostudio von Fasching in Bregenz fand heuer vor ausverkauftem Haus statt. Fasching
Der Digital Leadership Day im Fotostudio von Fasching in Bregenz fand heuer vor ausverkauftem Haus statt. Fasching

Darin waren sich die Speaker jeden Alters beim Digital Leadership Day einig.

Bregenz Gefühlt liegt Erleichterung im Raum. Endlich spricht es jemand aus. „Digitalisierung ist ein Modebegriff“, sagt Gerhard Wohland (70), Physiker und Systemtheoretiker, beim Digital Leadership Day in Bregenz.

Nur der Begriff sei neu, nicht aber der Inhalt. „Die Technisierung bedeutet letztlich, körperliche Schranken durch technische Systeme zu überwinden. Das hat vor 300.000 Jahren genauso stattgefunden, als die Menschen anfingen, anstatt mit der Hand mit dem Faustkeil zur Jagd zu gehen. Heute heißt es eben Digitalisierung, und das technische Mittel ist statt dem Faustkeil der Computer.“

Wohland will hier zu mehr Gelassenheit aufrufen, auch hinsichtlich der Angst, die Digitalisierung vernichte Arbeitsplätze. „Ein Roboter kann nicht wertschöpfend arbeiten. Er kann seinen Wert nur auf die Produkte übertragen, aber keinen neuen Wert, keinen Mehrwert erzeugen. Das kann nur der Mensch. Die Kraft eines Unternehmens sind also nicht die Maschinen, sondern die Mitarbeiter.“ Auch verfüge künstliche Intelligenz zwar über technologische Intelligenz, nicht aber über ein Bewusstsein, etwas bewusst zu wollen.

Der Digital Leadership Day, der von der Digitalagentur Towa zusammen mit Simon Sagmeister und Stefan Hagen jährlich initiiert wird, hat es sich zum Ziel gesetzt, mit den geladenen Top-Speakern, Weltmarktführern und Digitalexperten die Teilnehmer zu inspirieren und auch zu zeigen, was das Modewort Digitalisierung für Unternehmen konkret für die Umsetzung bedeutet. Reza Razavi von BMW, Eugen B. Russ von Russmedia International oder Dietmar Nußbaumer von IMA Schelling teilten dabei ihr Wissen in Form prägnanter Inputs, Erfahrungsberichten und Diskussionsrunden. Genauso wie Wohland, der dazu aufruft, nicht zu denken: „Ich digitalisiere, und alles ist gut. Heute brauche es „dynamikrobuste Organisationen“. Das heißt, Unternehmen, die nicht überraschungsempfindlich sind, die unter diesen Veränderungen nicht leiden, sondern mit Freude selbst Dynamik erzeugen.

Keine Generationenfrage

Dass nicht nur ein 70-Jähriger wie Wohland, sondern auch ein 16-Jähriger wie Tamas Trunk Digitalisierung als Modewort sieht, mag überraschen. Ist er doch Influencer, Social-Media-Star und Unternehmensberater und aufgrund seines Alters inmitten der digitalen Welt zu Hause. Er sieht die Digitalisierung und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten nicht als Generationenfrage. Denn von Cicero, der immerhin bereits 106 vor Christus geboren wurde, sei der Spruch überliefert: „Die Zeiten sind schlecht. Die Kinder gehorchen ihren Eltern nicht mehr und jeder schreibt ein Buch.“ Jede Generation habe auf ihre Art und Weise rebelliert. „Die Jugend heute rebelliert auf eine neue Weise. Sie hat sich durch die digitalen Möglichkeiten ihre eigene Welt erschaffen. Dank Social Media und Co können kleine Aktionen riesengroß werden, und aus Banalem kann Großes entstehen.“ Das sehe man nicht nur an der „Fridays for Future“-Bewegung.

Teil einer Bewegung sein

Trunk wehrt sich vor allem dagegen, dass die Jugendlichen als „alle gleich“ gesehen werden. „Wir sind individuell, nur eben gerne Teil einer Bewegung.“ Wer als etablierte Marke heute die Kraft dieser digitalen Gemeinschaft verstehe, könne Teil dieser Kultur werden. „Nicht umsonst heißt es: ‚Die Kultur verspeist die Strategie zum Frühstück‘“, so der Social-Media- Star. Als Beispiel nennt er die Luxusmarke Louis Vuitton, die für das populäre e-Sports-Spiel „League of Legends“ den Trophäenkoffer und andere virtuelle Gegenstände designt hat. „Sie ergreifen die Kultur der Gamer und erreichen dadurch eine neue Zielgruppe.“ Oder der Logistikriese DHL. Deren Idee war es, das französische In-Label Vetements ein Shirt designen zu lassen. Gelb mit rotem Schriftzug, wie es die Tausenden Mitarbeiter täglich tragen. Preis: 245 Euro. Die Jugend von heute wolle keine bunten Sitzsätze. „Wir wollen Teil von etwas Größerem sein.“

„Wir Jugendlichen sind individuell, nur eben gerne Teil einer Bewegung.“