Amann: „Kaffee wird nun anders wahrgenommen“

Markt / 29.11.2019 • 20:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Fototermin in der Rösterei von Amann Kaffee in Schwarzenberg. Stoll Kaffee, deren Geschäftsführer Florian Amann ist, ist in Zürich beheimatet. VN/STIPLOVSEK

Der Geschäftsführer von Stoll Kaffee, Florian Amann, über Trends, Nischen und den Regionalitätsbonus.

Schwarzenberg Florian Amann ist Geschäftsführer der Stoll Kaffee AG in Zürich. Mit der edlen Bohne ist er quasi aufgewachsen, schließlich führt seine Familie in Vorarlberg erfolgreich Amann Kaffee.

Sie führen seit 2011 mit Stoll eine der traditionsreichsten Kaffeeröstereien der Schweiz. In Vorarlberg ist die Firma Amann Kaffee, die von ihrem Vater und ihrer Schwester geführt wird, etabliert. Was gab den Ausschlag für die Übernahme?

Wir kannten die Firma schon länger. Dann gab es ein Nachfolgeproblem und die Anfrage, ob wir Interesse hätten. Es war ihnen wichtig, dass die Firma ein Familienbetrieb übernimmt und kein Konzern. Ich war gerade mit dem Studium fertig und so kam das eine zum anderen. Nun habe ich acht Jahre in den Betrieb investiert. Eine sehr spannende Zeit.

Wo haben Sie angesetzt?

Stoll ist eine uralte und sehr bekannte Marke. Es war aber auch viel Aufbauarbeit. Denn durch die Nachfolgethematik wurde zuletzt nicht mehr viel in den Betrieb investiert. Wir haben eine komplett neue Produktionsanlage installiert, die Fläche um 200 Quadratmeter erweitert und in Schulungen investiert. Denn wir haben keinen klassischen Vertrieb, sondern leben davon, dass man über die Marke und über unser Know-how zu uns kommt. Wir leben mittlerweile sehr stark von unserem Ruf.

Die ersten Stimmen aus Zürich nach der Übernahme waren nicht gerade begeistert. Konnten sie die Skeptiker überzeugen?

Insgesamt ist es eigentlich ziemlich gut gegangen. Wir haben zwar anfangs Kunden verloren und es gab wilde Gerüchte um uns, aber wir haben uns gut entwickelt. Wir konnten die Menge im Vergleich zum Kaufzeitpunkt verdoppeln und sind sehr zufrieden.

Welche Unterschiede gibt es zwischen Stoll und Amann Kaffee?

Es sind zwei komplett getrennte Betriebe, auch wenn sie in dieselbe Familie gehören. Stoll ist für uns auch als Versuchslabor sehr interessant, weil die Trends Zürich oft schneller erreichen als Vorarlberg. Wir können somit vieles ausprobieren. Denn wenn etwas in einer großen Stadt funktioniert, wird es früher oder später auch in Vorarlberg funktionieren. In Zürich gibt es insgesamt auch mehr Kaffee-Know-how, auf das man zugreifen kann. Ausgebildete Röster als Berufsbild gibt es in Vorarlberg nicht.

Das Produkt Kaffee hat in den vergangenen Jahren eine deutliche Aufwertung erfahren, es gibt reinsortige Kaffees und spezielle Cuvees. Ist Stoll Teil dieses Trends?

Die Entwicklung ist für uns sehr wertvoll, weil sie dazu führt, dass Kaffee von den Menschen anders wahrgenommen wird. Er entwickelt sich vom Alltagsgetränk zum Lifestyleprodukt. Man legt viel mehr Wert auf die Qualität und der Genuss wird bewusster. Als kleiner Produzent profitieren wir davon, weil wir immer über Qualität und Service und nie über den Preis gehen können. Dazu kommt der Trend zur Regionalität, was uns als letzte größere Rösterei in der Stadt Zürich ebenfalls in die Hände spielt.

Auf was schauen Sie beim Einkauf?

Transparenz ist ein großes Thema. Da geht es darum, von wo das Produkt kommt, wie fair die Bezahlung ist und welche Wertschöpfungskette dahintersteht. Uns ist wichtig, die Wertschöpfung in die Plantage zu bringen und den Kaffeebauer mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Denn wir als Rösterei können das Grundprodukt Kaffee nicht besser machen. Wir können nur die bestehende Qualität, die der Bauer dem Produkt mitgibt, bestmöglich rösten. Beim Spezialitätenkaffee versuchen wir deshalb auch, den Kaffee direkt zu kaufen.

Auch die großen Konzerne bieten mittlerweile ein umfangreiches Produktportfolio an Kaffeespezialitäten. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Es ist eine Frage der Definition. Wenn wir heute von der Top-Qualität „Specialty Coffee“ sprechen, ist das Kaffee, der vom Q-Grader mehr als 85 Punkte bekommen hat. Das war früher ein Nischenprodukt. Nun hat sogar Nestlé mit Blue Bottle Coffee eine Kaffeehauskette übernommen, die ausschließlich Specialty-Kaffee verkauft. Das ist schon ein Zeichen dafür, wie Großkonzerne die künftige Marktentwicklung sehen. Das Problem momentan ist aber, dass die Begriffe sehr verwässert werden und der Endkonsument nicht richtig weiß, was dahintersteckt. Allein der Begriff Lagenkaffee beispielsweise klingt gleich edel und schön. Darum spielt die Glaubwürdigkeit eine immer wichtigere Rolle. Unternehmen werden immer stärker daran gemessen als früher.

Wie groß ist der Markt für Stoll?

Unser Hauptmarkt ist Zürich und Umgebung. Mit dem Specialty Kaffee exportieren wir zudem kleinere Mengen nach Japan oder Kanada, weil das ein internationales Getränk ist. Zudem bauen wir uns den deutschen und österreichischen Markt auf. Für Amann Kaffee ist es interessant, mit Stoll eine Zweitmarke zu haben. Denn die Marktabdeckung ist in Vorarlberg schon sehr hoch und einige Kunden suchen ein Unterscheidungsmerkmal. Hier können wir eine Alternative bieten. Aber der Regionalitätsbonus bedeutet insgesamt auch eine Limitierung. In Hamburg beispielsweise fehlt uns dieser. Wir brauchen also neue Strategien, wie wir ohne die Finanzkraft, die große Player haben, nachhaltig wachsen können. Das kann über Schulungen, Kaffeequalität und das Aufgreifen von Trends geschehen. Hier sehen wir die Nischen. Zudem sind für uns weitere Akquisitionen immer ein Thema.

War für Sie immer klar, in das Kaffeegeschäft einzusteigen?

Ein klares Ja. Auch wenn es diesbezüglich nie einen Druck gegeben hat.