Faszinierendes Klangerlebnis in Echtzeit

Markt / 01.12.2019 • 13:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bis zur Einweihung der Riesenorgel im Stephansdom zu Ostern 2020 bleibt der neue Spieltisch von Rieger-Orgelbau verhüllt.  RIEGER

Rieger-Orgelbau: Alleinstellung durch einzigartiges elektronisches Tastatursystem für das größte Musikinstrument

Schwarzach Wenn die größte Orgel Österreichs – die sogenannte Riesenorgel im Stephansdom – am 12. April nächsten Jahres nach fast 30 Jahren erstmals wieder erklingt, wird sie nicht nur von Rieger-Orgelbau in akribischer Feinstarbeit komplett erneuert und teilrestauriert worden sein. Sie wird auch als erstes Großprojekt mit dem neuen und weltweit einzigartigen elektronischen Setzersystem namens „REA – Rieger Electronic Assistant“ ausgerüstet, das Organisten bisher ungeahnte Möglichkeiten bietet.

Elektronische Setzersysteme gibt es an sich bereits seit Ende des 20. Jahrhunderts. Sie übernehmen den Registerwechsel einer Orgel automatisch und erlauben dem Musiker vorab unterschiedliche Register-Kombinationen zu programmieren. 130 Register sind es alleine bei der Riesenorgel in Wien, deren Wechsel und Kombination faszinierende Lautstärkenkontraste und Klangmischungen hervorbringen. Die von Rieger von Grund auf neuentwickelte Anlage geht nun weit darüber hinaus und vereint wesentliche Vorteile in einem einzigen, integrativen Setzersystem.

Exakte Übertragung

Das überragende Novum ist die präzise elektronische Übertragung der Tastenbewegung, die sogenannte proportionale Tontraktur. „Bei einer traditionellen mechanischen Orgel bewegt sich die ganze Mechanik eins zu eins mit der Geschwindigkeit und dem Druck der Fingerbewegung“, erklärt Wendelin Eberle, Geschäftsführer von Rieger-Orgelbau. „Je nachdem, wie tief, langsam oder schnell ich drücke, habe ich Einfluss auf die Ansprache der einzelnen Pfeifen und kann so im musikalischen Sinn artikulieren.“ Die klanglichen Effekte des mechanischen Systems konnten bisherige elektronische Setzersysteme nicht abbilden. Hingegen folgt die neuartige Tonventilansteuerung von Rieger nun genau analog zur Tastenbewegung des Musikers. „Und das in Echtzeit. Das System reagiert ohne Verzögerung, womit die Elektronik ‚unhörbar‘ bleibt“, beschreibt Eberle eine weitere herausragende Eigenschaft. Das intelligente System berücksichtigt darüberhinaus etwaige mechanische Veränderungen, wie sie z.B. durch wechselnde Temperatur und Luftfeuchtigkeit vorkommen, und passt sich dementsprechend an.

Vernetzt

Über die neue technische Anlage können nun verschiedene in einem Raum, aber an verschiedenen Standorten befindliche Orgeln vernetzt und von einem oder mehreren mobilen Spieltischen aus bespielt werden. „Beispielsweise werden die Riesenorgel und die bestehende kleinere Chororgel im Stephansdom zusammengehängt und als eine große Domorgelanlage spielbar.“ Noch einen Schritt weiter soll die demnächst von Rieger realisierte Orgel im Mainzer Dom gehen. „Dort haben wir drei unterschiedliche Standorte mit vier Spieltischen, die unabhängig voneinander aber auch gleichzeitig gespielt werden können“, verweist Eberle auf die komplexen Aufgaben, die das modulare System übernimmt. Das Ganze ist ebenso intuitiv per Touchscreen am Tablet oder Handy bedien- und editierbar.

Der Organist kann vorab aufgezeichnete Titel per Knopfdruck vom Zuhörer-Raum aus von der Orgel selbst abspielen lassen. „Dadurch kann er kontrollieren, ob er sein Spiel für den Saal oder die Kirche richtig eingestellt hat. Insgesamt wird die Orgel vom Organisten noch individueller anpassbar.“ Die Vernetzung eröffnet Rieger den weiteren Riesenvorteil der Fernwartung. „Wir können uns von hier aus in jede Orgel weltweit einloggen, System-Komponenten updaten und deutlich einfacher Fehler eingrenzen und beheben.“

Moderner Traditionsbetrieb

Rieger in Schwarzach ist einer der weltweit anerkanntesten Orgelbaubetriebe und der einzige, der sämtliche Fertigungsschritte im eigenen Haus abdeckt. „Die Wertschöpfungstiefe und der damit verbundene Erfahrungsschatz sind bei uns extrem hoch.“ Auch die neue elektronische Steuerung entstand durch eigene Spezialisten. „Nur so können wir den hohen Qualitätsanspruch garantieren, zeitnah auf Kundenwünsche und Ideen reagieren und innovativ arbeiten.“ Denn die Orgel als das komplexeste Musikinstrument ist wohl auch das einzige, das sich kontinuierlich weiterentwickelt.