Bischof Benno: „Weihnachten ist für mich das emotional schönste Fest“

Markt / 14.12.2019 • 07:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Bischof Benno Elbs im Interview mit den VN. VN/LERCH

Der kirchliche Würdenträger über die Kraft des Miteinanders, die Klimadiskussion und die Rolle der Unternehmer im Land.

Feldkirch Bischof Benno Elbs freut sich auf Weihnachten. Im VN-Gespräch spricht er darüber, wieso es für ihn emotional das schönste Fest des Jahres ist, über die Wichtigkeit von Empathie und wieso er für die guten Unternehmer im Land dankbar ist.

Was bedeutet Ihnen persönlich Weihnachten?

Für mich ist es emotional das schönste Fest, obwohl es aus theologischer Sicht nicht das wichtigste ist. Es bedeutet mir deshalb viel, weil es sehr um Menschlichkeit geht. Emotion und Offenheit sind in keiner anderen Zeit im Jahr so hoch. Gott hat quasi einen Liebesbrief in die Krippe gelegt, der heißt: „Ich liebe dich, du Mensch. Ich liebe dich, du Welt“. Das ist das, was ich als Bischof den Menschen bringen darf.

Die Menschlichkeit als Botschaft von Weihnachten hat ja nie an Aktualität verloren. Man könnte fast sagen, sie ist so aktuell wie nie.

Ja, und das ist genau das Phänomen. An der Krippe wird man zum Experten der Menschlichkeit. Denn daraus kommen uns Respekt und Wertschätzung, das Bemühen um Frieden sowie Hoffnung und Licht entgegen. Wir alle haben in uns die Sehnsucht, geliebt zu werden. Es gibt auch heute eine moderne Herbergssuche. Menschen sind auf der Suche nach einem Zuhause bei einem anderen Menschen. Weihnachten ist deshalb das Fest, das am meisten berührt.

Wird Brauchtum wichtiger in einer Zeit, in der alles schneller wird?

Es gibt eine heilende Kraft der Rituale und die Religionen bieten diese an. Es gibt Situationen im Leben wie den Tod, den man nicht in Worte fassen kann. Auch hier helfen Rituale, um das Unaussprechliche zur Sprache zu bringen. Dazu kommt, dass die Fixierung auf das Ich, das zeitweise in Mode war, zum Gefängnis werden kann, während das Wir Befreiung schenkt. Rituale führen zum Wir und Weihnachten ist ein Fest des Wir.

Oft überwiegt beim Wir, also beim Zusammenkommen von Familien beim Weihnachtsfest, das Emotionale. Wie schafft man es, sich auf das Wesentliche zu besinnen?

Das Emotionale überwiegt deshalb, weil das Fest oft mit Erwartungen überfrachtet wird. Man macht sich den Weihnachtsstress, dass es das schönste Fest bzw. der schönste Abend des Jahres werden muss. Besser ist es, in der positiven Haltung zu bleiben, dass Weihnachten das Fest des Beschenktwerdens ist.

Sehen Sie die Zeit der Stille und der Besinnung nicht auch zu sehr dem Konsumrausch zum Opfer fallen?

Es gibt den schönen Spruch: Ein Geschenk ist so viel wert, mit wie viel Liebe es ausgesucht wurde. Ich bin schon fürs Schenken und dagegen, auf dem Kaufen an sich herumzuhacken. Aber es ist wichtig, mit Sinn und Zuneigung zu schenken. Dann ist jedes Geschenk ein schönes Geschenk.

Auch Menschen, die nicht mehr Mitglied der Kirche sind, mögen das Ritual von Weihnachten, gehen in die Kirche, auch wenn sie das dann den Rest des Jahres nicht mehr machen. Stört Sie das oder sagen Sie, das ist besser als gar nicht?

Die Haltung der Kirche ist Gastfreundschaft und ich freue mich immer dann, wenn jemand kommt. Ich stelle nie die Frage, wann er zum letzten Mal da war. Aber ich glaube schon auch, dass der Sonntag ganz wichtig ist. Der Theologe Johann Baptist Metz hat einmal gesagt: „Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung.“ Der Mensch braucht für seine Seele Unterbrechung. Weihnachten ist auch eine Unterbrechung. Sie richtet den Blick unseres Lebens auf die Liebe, den Sinn und den Frieden. Darum freue ich mich über jeden, der kommt. Verbunden mit dem Wunsch, dass sich die Sorge um die eigene Seele nicht nur auf Weihnachten beschränkt.

Gott bietet jedem Menschen Gemeinschaft an. Wie kann es die Kirche schaffen, dieses Bewusstsein auch abgesehen von der Weihnachtszeit mehr nach außen zu tragen?

Das ist eine ganz schwierige Frage und auch ein gesellschaftspolitisches Thema. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Mensch durch verschiedene Zwänge oft eine Ich-AG bildet. Aber Physiker Stephen Hawking, übrigens ein Atheist, hat einmal gesagt, die Zukunft der Welt wird davon abhängen, ob es Empathie gibt. Also Hinwendung zum anderen Menschen. Wenn man das aus den Augen verliert, hat die Erde keine Zukunft. Es braucht Solidarität, aber das Mittel dazu zu finden, ist nicht einfach. Ich glaube, wer das Miteinander erfahren hat, merkt, dass das Wir größer ist als das Ich. Das muss man aber selbst erfahren und entscheiden. Mit erhobenem Zeigefinger anordnen kann man das nicht.

Gegeneinander statt miteinander ist dabei kein rein kirchliches Thema.

Der Ausgleich zwischen dem Ich und dem Wir betrifft viele Themen. Das Vertrauen in andere Menschen, Mitgefühl und Gerechtigkeitssinn sind die Basis für den Wohlstand. Wenn man das aus den Augen verliert, wird es auf lange Sicht keinen Wohlstand geben. Da hat die Religion einen wichtigen Auftrag. Jesus ist Vorbild. Auch in der Hinwendung zu jenen, die keine Stimme haben. Weihnachten ist somit nicht nur ein nettes Wohlfühlfest, sondern hat auch eine Botschaft: Du bist geliebt. Aber es gibt auch den Auftrag, sich wie Jesus für Menschlichkeit einzusetzen.

Wie sehen Sie die Klimabewegung, für die immer mehr junge Menschen für ihre Zukunft eintreten?

Die Sensibilität für die Schöpfung ist ein christliches Urmotiv und einer der großen Schöpfungstheologen der Gegenwart ist Papst Franziskus. Er hat seine Öko-Enzyklika „Laudato si“ vor der Klimakonferenz in Paris geschrieben. Die Mutter Erde ist unsere Erde. Wenn die Erde atmet, atmen wir. Darum ist der Einsatz für den Lebensraum für mich ganz entscheidend. Gesellschaftspolitisch die große Kunst wird es nun sein, einen guten Ausgleich zwischen dem Wirtschaften und der Arbeit, die für den Menschen, den Sinn, den Wohlstand und das Miteinander wichtig ist, sowie einer gesunden, lebenswerten Schöpfung zu schaffen.

Weihnachten hat für den Bischof eine ganz besondere Bedeutung. VN/Lerch
Weihnachten hat für den Bischof eine ganz besondere Bedeutung. VN/Lerch

Wie beurteilen Sie die Rolle der Unternehmer in der Gesellschaft?

Ich bin sehr dankbar für die guten Unternehmer im Land und schätze sie sehr, weil sie Arbeitsplätze schaffen und weil sie sich für soziale Themen einsetzen. Spenden sind dabei ein wichtiger Beitrag. Für ein gutes Miteinander braucht es Wertschätzung und Respekt vor den unterschiedlichen Marktteilnehmern.

Welche Entwicklung in Vorarlberg hat Sie in diesem Jahr besonders bewegt?

Durch das Diözesanjubiläum sind viele wertvolle Impulse entstanden in Richtung Jugendarbeit oder Gemeinde-Mitarbeit. Auch bei den Wahlen sind die Gespräche unter den Wahlwerbern in einer guten Art abgelaufen. Das hat mich gefreut, denn die Kommunikationskultur ist nicht zu unterschätzen. Mich haben auch die vielen kleinen Gesten gefreut sowie die Solidarität, die gerade Familien mit sehr schweren Schicksalsschlägen entgegengebracht wird.

Wie werden Sie den Heiligen Abend verbringen?

Am 24. Dezember besuche ich während des Tages unterschiedliche Menschen, denen ich mit einem Besuch eine Freude machen kann. Am Nachmittag bin ich dann in meiner Heimatgemeinde Langen. Dort feiere ich mit Nichten und Neffen und deren Kindern. Wir beten das Weihnachtsevangelium, singen „Stille Nacht“ mithilfe einer CD und packen die Geschenke aus. Das Ritual ist dabei, dass immer nur ein Geschenk ausgepackt werden darf. Dann nimmt man das bewusster wahr. Anschließend esse ich mit meiner Mutter und der Familie meines Bruders, bevor ich nach Feldkirch zur Mette fahre. Danach gehe ich nach Hause und setze mich alleine vor die Krippe. Das ist für mich immer ein schöner und ruhiger Augenblick.