Die Zukunft gestalten

Markt / 27.12.2019 • 22:21 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Jahreswechsel lässt hoffen, dass wir einem besseren Jahrzehnt entgegenschreiten, einem Jahrzehnt, dessen Entwicklungen positiver verlaufen als die der beiden vergangenen. Denn die ersten zwei Dekaden seit der Jahrtausendwende waren verlorene Jahre, gekennzeichnet von Ereignissen globaler Dimension: die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001 und der anschließende „Krieg gegen den Terror“, wenige Jahre später die Lehman-Pleite und die von ihr verursachte Finanz- und Weltwirtschaftskrise, und schließlich der aufkeimende Populismus sowie das Heraufdämmern einer neuen multipolaren Weltordnung.

Seit Beginn der 2000er-Jahre mehren sich die Anzeichen, dass die Tage der globalen Hegemonie der USA gezählt sind. Neben den globalen Umbrüchen ist dafür ein erratisch agierender Präsident Trump verantwortlich, der mit Strafzöllen, Sanktionen und anderen Abschottungsmaßnahmen den Welthandel ins Wanken bringt und zudem die Führungsrolle der USA bei der Lösung globaler Herausforderungen infrage stellt, u.a. durch seine Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens. Unterdessen ist China in vielerlei Hinsicht wieder eine Weltmacht: wirtschaftlich als neuer „Global Player“, demografisch mit einem rasant wachsenden Mittelstand, (geo-)politisch mit enormem Engagement in Afrika, aber auch zunehmend militärisch mit massiver Aufrüstung. China lässt zudem damit aufhorchen, neben einer proklamierten globalen Führerschaft im Klimaschutz eine weltweite Dominanz im Bereich der Künstlichen Intelligenz erringen zu wollen.

Angesichts dieser und weiterer geopolitischer Veränderungen (Stichwort: Naher Osten) muss sich Europa aus seiner Abhängigkeit von den USA emanzipieren. Das gilt nicht nur für den Sicherheitsbereich, sondern auch für die Digitalisierung: Europas Abhängigkeit von Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft birgt großes Gefahrenpotenzial. In Zeiten des gezielten „Verhaltens­engineerings“ und eines neuen „Überwachungskapitalismus“ muss Europa die Interessen der Bürger gegenüber der Marktdominanz einiger weniger Firmen besser vertreten und es muss danach trachten, digitale Souveränität zu erlangen und in kritischen Bereichen, wie z.B. Quantencomputer, Cloud-Computing, Internet-der-Dinge und Künstliche Intelligenz, einen eigenen europäischen Weg zu gehen. Dazu bedarf es gezielter technischer, (steuer-)rechtlicher, wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Rahmenbedingungen sowie einer strategischen Fokussierung auf die zentralen Zukunftsbereiche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Innovation.

„Die ersten zwei Dekaden seit der Jahrtausendwende waren verlorene Jahre.“

Hannes Androsch

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Dr. Hannes Androsch ist Finanz­minister i. R. und Unternehmer.