Prolongierter Bildungsnotstand

Markt / 24.01.2020 • 22:24 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Unser Bildungssystem ist rasch umschrieben: Es ist teuer, veraltet und ungerecht. Seit Jahren belegen internationale Vergleiche diese Tatsache, die das Ergebnis rückständiger Ideologie und lähmender Reformunwilligkeit ist. Noch schlimmer als die Fehler der Vergangenheit ist aber der Umstand, dass sich das neue Regierungsabkommen in der Bildung durch „visionslose Dürftigkeit“ (Gruber) auszeichnet, die schon als brutaler Angriff auf die Zukunftschancen unserer Kinder gewertet werden muss. Da werden die bildungspolitischen Abscheulichkeiten von Türkis-Blau – von zu früher Notengebung bis zu Deutschförderklassen, die die Ressourcen der Schulen überfordern – mit neuen pädagogischen Grauslichkeiten fortgesetzt.

Am schärfsten zeigt sich dies an der sog. Kompetenzmessung in der dritten Schulstufe, die maßgeblich über die Bildungslaufbahn der Kinder entscheiden soll. Was hier jedoch gemessen wird, sind nicht die Fähigkeiten der Kinder, sondern allein die vom Elternhaus geleistete bzw. leistbare Förderung. Tests aber, deren Anliegen nicht die gezielte Förderung, sondern die Selektion ist, benachteiligen die sozial Schwachen und berauben unser Land jener talentierter Jugendlicher. Wir haben in Österreich die wenigsten Unterrichtsstunden, die längsten Ferien und unzählige Klein- und Kleinstschulen ohne hinreichende Ausstattung. Bereits zehn Prozent der Schüler – jene, deren Eltern es sich leisten können – besuchen ganztägige Privatschulen. Jeder dritte Schüler benötigt Nachhilfe. Wer sich diese nicht leisten kann, wächst in Bildungsarmut auf. Die soziale Ungleichheit, die von den Schulen kompensiert werden sollte, wird damit verlängert! So entstehen die Verlierer, die am Arbeitsmarkt nicht Vermittelbaren und Sozialhilfeempfänger.

Die Vorschläge des Bildungsvolksbegehrens und der Initiative „Neustart Schule“ der IV wurden ebenso ignoriert wie die Bildungsexperten. Und die wenigen Einsprengsel „grüner“ Bildungspolitik werden fehlende Chancengleichheit und soziale Durchlässigkeit nicht kompensieren, zumal die Finanzierung nicht gesichert ist. Was es noch an Fehlentwicklungen in der Bildungspolitik zu beweisen galt, hat eben die Wut-Lehrerin deutlich gemacht, nachdem die Message Control versagt hat. Doch ändern wird dies nichts, und Bildungsnotstand und Bildungsarmut werden prolongiert – mit verheerenden Konsequenzen für die Betroffenen und unser Land!

„Bildungsnotstand wird prolongiert – mit verheerenden Konsequenzen für Betroffene und unser Land.“

Hannes Androsch

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Dr. Hannes Androsch ist Finanz­minister i. R. und Unternehmer.