St. Antöner Entwicklungsgeist begeistert Kunden weltweit

Markt / 14.02.2020 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Stefan Battlogg fing in der Garage seines Hauses an. Heute beschäftigt Inventus 20 Mitarbeiter. VN/STIPLOVSEK

Stefan Battlogg führt mit Inventus einen „Hidden Champion“, der Anwendungen für Autos oder Joysticks entwickelt.

St. Anton im Montafon Das Montafoner Unternehmen Inventus entwickelt Anwendungen für verschiedenste Branchen wie Automobil, Medizin, Militär oder Gaming. Der gemeinsame Nenner ist eine Technologie namens MRF. Damit begeistern Stefan Battlogg und sein Team Kunden auf der ganzen Welt.

Herr Battlogg, wie erklären Sie einem Laien, was Inventus genau macht?

Wir entwickeln vom weißen Blatt Papier bis zu getesteten Prototypen Sachen, die es bislang noch nicht gibt. Mit dem Begriff Innovation bin ich aber vorsichtig, weil dieser oft missbräuchlich verwendet wird. Wir sind ein Mechatronikunternehmen, das sehr tief in der Technologie verankert ist.

Der gemeinsame Nenner hinter allen Anwendungen ist die MRF-Technologie. Was steckt dahinter?

MRF steht für magnetorheologische Flüssigkeit. Das ist unsere Basis für all unsere Produkte. Wenn man an sie ein Magnetfeld anlegt, bilden sich Ketten und damit kann man die Viskosität verändern. Das unterscheidet uns von anderen Firmen, die ein Produkt oder Geschäftsfeld haben. Wir wollten uns nach der Lehman-Krise nicht nur auf die Autoindustrie konzentrieren, sondern in die Breite gehen, um uns abzusichern.

In welchen Branchen sind Sie tätig?

Die Autoindustrie verwendet die Flüssigkeit, um Autotüren zu bremsen. Bei Fahrrädern können damit die Dämpfer gesteuert werden. In Prothesen kann die Bewegung gebremst werden. Beim Militär geht es um den Schutz der Soldaten. Hier kann das Fahrzeug bei Minenexplosionen entkoppelt werden. Neu ist die Gaming-Branche. Bei Joysticks oder Controllern verwenden wir die Technologie, um das Mausrad zu dämpfen und adaptiv zu machen. Wenn jemand in einem Computerspiel durch Sand läuft, wird das Mausrad schwerer. Oder wenn man in einem Word-Dokument nach einem Wort sucht und es gefunden wird, bleibt das Rad stehen. Unsere Anwendungen sind große Projekte, die aus Mechanik, Elektronik, Regelungstechnik und Software bestehen.

Kann man vereinfacht sagen, Sie geben mit Ihren Anwendungen Feedback?

Ja, denn die Bedienphilosophie ändert sich stark. Wir spüren hier den Trend, dass der Kunde wieder fühlen will, was er tut. Durch Touchdisplays ist die Bedienung mit mechanischem Feedback verloren gegangen. Das ist bei vielen Sachen ganz schlecht. Bei Lautstärke beispielsweise oder in der Medizintechnik bei der Dosierung.

Die MRF-Technologie ist aber keine eigene Erfindung?

Nein, man hat sie im Jahr 1950 erfunden und sie wird beispielsweise für Fahrzeugstoßdämpfer verwendet. Für viele Anwendungen sind diese aber viel zu groß. Wir haben das kleiner, leichter und energieeffizienter gemacht, haben das patentieren lassen und verkaufen nun Lizenzen. Oder wir fertigen die Teile. Dazu haben wir ein Joint Venture, weil wir dafür zu klein sind. Das klingt vielleicht insgesamt sehr einfach, aber dazwischen liegen viele Jahre. Es war ein harter Weg und viel Knochenarbeit.

Wie kommen die Anwendungen zum Kunden? Kommen die Firmen zu Ihnen oder umgekehrt?

Wir entwickeln Anwendungen und machen den Kunden dann Vorschläge. Automobilkunden haben wir beispielsweise den adaptiven Laustärkeregler im Lenkrad vorgestellt. Darum haben wir auch unsere Firma XeelTECH gegründet, um mehr in die Vermarktung zu gehen.

Apropos Außenauftritt: Sie haben gerade auf der CES in Las Vegas, der größten Messe für Consumer Electronic, große Erfolge gefeiert.

Wir hatten einen ganz kleinen Stand und anfangs schien es, als ob uns niemand wahrnehmen würde. Aber es war letztlich ein toller Erfolg und wir konnten viele Menschen mit unseren Produkten begeistern. Ein Ritterschlag war, dass einer der größten Smartphone-Hersteller der Welt zu uns kam und vom Stand weg eine Einladung ins Silicon Valley aussprach. Unser Mitarbeiter Philipp Sachs ist dann von Las Vegas direkt nach Cupertino und hat dort unsere Technologie vorgestellt. Eine Woche später hatten wir schon eine konkrete Anfrage. Das ist für uns toll, denn eigentlich ist es für uns als kleine Firma unmöglich, Zugang zu diesen großen Playern zu bekommen.

Ihr Unternehmen trägt den Firmenzweck im Namen: Inventus bedeutet Erfinden, Entdecken. Ist es ein hoher Anspruch an sich selbst, ständig neues zu entwickeln?

Vor allem geht es darum, Dinge früher zu sehen als andere und gut zuzuhören. Ich sage immer, wenn jemand schimpft, hat er oft ein Problem, das es zu lösen gilt. Durch Zuhören sind schon einige Projekte entstanden. Wir halten viele Patente. Aber dazu braucht man eigentlich eine Kristallkugel. Denn wir müssen erahnen, was in ein paar Jahren sein wird, um das auch früh genug anmelden zu können. Wir müssen also der Zeit voraus sein. Viele Anwendungen gehen dabei von Branche zu Branche weiter. Hier ist es wichtig, den perfekten Einstiegspunkt zu finden.

Innovationsschmieden sind meist in Ballungszentren angesiedelt. Wieso ist St. Anton für Inventus ein guter Standort?

Ursprünglich waren wir eine Garagenfirma. Heute beschäftigen wir Maschinenbauer, Elektroniker, Mechatroniker, Fräser und Softwareentwickler. Ich wollte im Tal bleiben, weil wir hier so gute, engagierte Leute haben. Es ist aber nicht einfach, Mitarbeiter zu finden. Nicht weil wir technologisch uninteressant sind, sondern weil unsere Projekte oft der Geheimhaltung unterliegen und wir das deshalb nicht kommunizieren dürfen. Das ist kein Vorteil, um Personal zu finden.