“Eine Insolvenz ist nach wie vor mit einem Stigma behaftet”

Markt / 26.01.2021 • 10:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
"Eine Insolvenz ist nach wie vor mit einem Stigma behaftet"
Eine Kultur des Scheiterns findet man in anderen Ländern häufiger als bei uns. AP

Matthias Prior und Matthias Feurstein begleiten Unternehmen bei Sanierungen.

Dornbirn Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Insolvenzen um über 40 Prozent zurück. Trotz Coronakrise. Denn Maßnahmen wie Abgabenstundungen, andere Coronahilfen oder die Aussetzung der Antragspflicht wegen insolvenzrechtlicher Überschuldung haben viele Pleiten verhindert. Kreditschützer sehen ein „künstliches am Leben halten“ und warnen vor einer Pleitewelle.

Insolvenzrechtsexperte Matthias Prior (Abel Rechtsanwälte) und Steuerberater Matthias Feurstein (RTG Dr. Rümmele Steuerberatung/Wirtschaftsprüfung) begleiten Sanierungen wie jene der Textilfirmengruppe Huber in Götzis. Sie verweisen auf die enormen Beträge, die durch das baldige Ende der Stundungen fällig werden. Auch wenn man bei Steuerschulden danach für 36 Monate ein Ratenzahlungsmodell in Anspruch nehmen kann, komme hier dennoch einiges zusammen.

Corona als Auslöser

Rein statistisch wären einige Firmen bereits insolvent. Es gebe Betriebe, die bereits vor Corona „angeknackst“ waren und solche, die bis März 2020 gesund waren und erst danach in Bedrängnis kamen. „Corona trägt also nicht immer primär die Hauptschuld an einer Insolvenz, ist aber oft Auslöser einer Kettenreaktion“, betont Prior.

Eine Insolvenz muss derzeit bei Zahlungsunfähigkeit angemeldet werden. Also wenn ein Betrieb nicht mehr in der Lage ist, seine Verbindlichkeiten zu begleichen und sich die Mittel auch nicht in absehbarer Zeit verschaffen kann. Bei der Begleichung spielen aktuell die Coronahilfen eine wesentliche Rolle. „Die Hilfen müssen aber verbindlich zugesagt sein und in einer angemessenen Frist ausbezahlt werden“, erklärt Feurstein. Die Herausforderung sei hier, dass es bei neuen Förderungen kaum Erfahrungswerte gebe, wie schnell das Geld tatsächlich fließe. Zudem müsse man die Wechselwirkung mit anderen Hilfen beachten. Jeder Fall sei individuell.

Faktoren entscheidend

Kommt es doch zum Insolvenzverfahren, muss entschieden werden, ob dieses im Konkurs oder einer Sanierung endet. Entscheidend für eine Sanierung sind Voraussetzungen wie eine aufrechte Gewerbeberechtigung, eine aktuell gehaltene Buchhaltung, dass der Unternehmer in der Lage ist, den Betrieb weiterzuführen und dass ein Geschäftsmodell vorhanden ist.

Fortführen oder nicht?

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, muss ein detaillierter Finanzplan erstellt und zudem geprüft werden, ob eine Quote von mindestens 20 Prozent bzw. 30 Prozent (bei Sanierungen mit Eigenverwaltung) erfüllbar ist und die Kosten aus dem laufenden Geschäft getragen werden können. „Rechtlich gilt, ein Unternehmen ist grundsätzlich fortzuführen. Außer wenn durch den Fortbetrieb ein größerer Ausfall für die Gläubiger droht als durch die Schließung“, erklärt Prior. Generell sei es für den Wirtschaftskreislauf immer besser, wenn ein Unternehmen bestehen bleibe.

Bitter sei eine Insolvenz vor allem für den Unternehmer. Niemand nehme das leichtfertig in Kauf. Vor allem weil dieses Wort nach wie vor mit einem großen Stigma behaftet sei. „Die Gedanken drehen sich oft darum, was Familie oder Nachbarn denken“, sagen Prior und Feurstein. Die Symbiose zwischen Sanierungsberater und Steuerberater sei ebenso wichtig wie die Vertrauensbasis zum Klienten. Schließlich führe man diesen durch eine extrem schwierige Zeit. „Nach dem Schock ist es für viele befreiend, weil sie aus diesem Strudel, in dem sie gefangen sind, herauskommen und wieder nach vorne blicken können.“

Steuerberater Matthias Feurstein. <span class="copyright">RTG</span>
Steuerberater Matthias Feurstein. RTG
Rechtsanwalt Matthias Prior. <span class="copyright">Severin Wurnig</span>
Rechtsanwalt Matthias Prior. Severin Wurnig

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