“Vorarlberg braucht mehr Reibung”

Markt / 02.07.2021 • 18:03 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Mathias Burtscher und Christian Zoll sehen für Vorarlberg ein großes Zukunftsbild. Es werden nur innovative und kreative Standorte gewinnen. 
Mathias Burtscher und Christian Zoll sehen für Vorarlberg ein großes Zukunftsbild. Es werden nur innovative und kreative Standorte gewinnen. 

Mathias Burtscher und Christian Zoll (Industriellenvereinigung) über das Zukunftsbild unseres Landes.

Lustenau Bei der Industriellenvereinigung Vorarlberg steht ein personeller Wechsel an. Mathias Burtscher verlässt nach zehn Jahren die Interessenvertretung, Christian Zoll übernimmt.

 

Herr Burtscher, am 9. Juli ist Ihr letzter Arbeitstag als IV-Geschäftsführer. Wie viel Wehmut schwingt da nach zehn Jahren mit?

Burtscher Ein Teil ist Wehmut, aber der Großteil ist ein positives Gefühl, weil es sich richtig anfühlt. Die Industriellenvereinigung wird in besten Händen sein und ich kann zu einem guten Zeitpunkt übergeben. Ich bin voll motiviert, eine neue Herausforderung zu starten und freue mich darauf, was auch immer kommt.

 

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Burtscher Bei der Entscheidung zu übergeben, habe ich mir das offen gelassen und ich leiste mir den Luxus, das noch eine gewisse Zeit offen zu lassen. Das Einzige, was feststeht, ist, dass ich mit meiner Frau und den beiden Kindern auf eine Europareise mit dem Wohnmobil gehe. Das war immer schon ein Traum und jetzt habe ich die Möglichkeit dazu.

 

Auf was blicken Sie nach zehn Jahren gerne zurück?

burtscher Vor allem auf die Zusammenarbeit mit Präsident Martin Ohneberg, die extrem gut funktioniert hat. Uns war immer wichtig, eine deutliche Sprache zu sprechen und zukunftsgerichtete Themen anzusprechen. So konnten wir einige große Projekte anstoßen.

 

Wie sehen Sie die Rolle der IV?

Burtscher Unsere Strategie „Vom Mittelmaß zur Exzellenz“ hat damals für Aufregung und Diskussion gesorgt, aber es war absolut richtig. Ich bin überzeugt, dass Vorarlberg diese Zukunftsdiskussionen braucht. Vorarlberg braucht auch mehr Reibung, weil dadurch entsteht Wärme und Kreativität. Es werden nur Standorte gewinnen, in denen Innovation und Kreativität passieren. Da haben wir sicher einen Beitrag dazu geleistet.

 

Herr Zoll, was hat Sie am Geschäftsführerjob gereizt?

Zoll Ich war zehn Jahre lang in Wien und habe die Arbeit der IV dort mitverfolgt. Sie war für mich eine Organisation, die immer mehr gegeben hat, ein Zukunftsbild aufgezeigt hat und die es braucht im Land. Ich möchte etwas bewegen und mitgestalten, da ist die IV die genau richtige Institution.

Wie überzeugt man Vorarlberger, von Wien wieder nachhause zu kommen?

Zoll Vorarlberg hat extrem viel zu bieten, aber das kommt im Rest Österreichs gar nicht immer so an. Viele denken, es ist ein rein landwirtschaftlich geprägtes Bundesland. Da bräuchte es eine aktivere Rolle, um den Standort zu bewerben, damit sich diese Wahrnehmung ändert.

 

Der Fachkräftemangel ist trotz Corona geblieben. Warum?

Burtscher Man muss aufpassen, dass das Pendel wieder in die Richtung schlägt, dass Arbeit sinnstiftend ist und Spaß macht. Teilweise ist die Bereitschaft, zu arbeiten und Leistung zu erbringen, zurückgegangen. Zudem gibt es Anreize, die dazu verleiten, weniger zu arbeiten. Kurzarbeit war notwendig, aber wir müssen wieder in den Normalmodus übergehen. Und jene, die momentan keine Arbeit haben, haben oft nicht die Qualifikation, um weiterzuhelfen. Darum ist Qualifizierung kein leeres Schlagwort. Hier ist Vorarlberg noch nicht so weit, dass das Matching zwischen Angebot und Nachfrage übereinstimmt.

 

Herr Zoll, Sie waren politisch aktiv, haben im Ministerium gearbeitet. Hilft der politische Background bei der jetzigen Tätigkeit?

Zoll Ich glaube, es ist gut, wenn man die Prozesse und Abläufe kennt. Nichtsdestotrotz ist es mir wichtig, das, was ich zuvor gemacht habe, zu trennen. Ich bin nun für die Industriellenvereinigung und niemand anderen tätig.

 

Was sind neben Fachkräften und Raumplanung die Themen, die der Industrie unter den Nägeln brennen?

Burtscher Das Thema Kinderbetreuung hat sich durch Corona verschärft. Da sind deutliche Verbesserungen möglich, die allen Beteiligten am Ende helfen werden. Da muss Vorarlberg einen Schub machen. Wenn das Land die Leadership, die es in der Coronakrise gezeigt hat, auch bei Raumplanung, Kinderbetreuung oder der Marke zeigen würde, würde für Vorarlberg viel passieren. In der Krise hat die Landespolitik gesteuert und das Größere gesehen. Gäbe es dieses Tempo auch bei den anderen Themen, könnte man noch positiver in die Zukunft blicken.

 

Wie sehen Sie die Klimadiskussion?

Zoll Es ist schade, dass es immer entweder Umweltschutz oder Wirtschaft heißt. Wir wollen die Umwelt schützen, im Idealfall ohne viel Verzicht. Dazu brauchen wir Innovation und diese kommt zum großen Teil von Unternehmen. Es kann nicht das Ziel sein, Betrieben Steine in den Weg zu legen. Man muss sie vielmehr bei der Innovation unterstützen. Jede Maßnahme, die hinsichtlich Klimaschutz getroffen wird, ohne darüber nachzudenken, was es für die Unternehmen bedeutet, hilft dem Standort nicht.

Burtscher Allen alles recht zu machen, ist eine Kunst, die nicht zu schaffen ist. Es wird immer Menschen geben, die aus Prinzip dagegen sind. Wichtig ist, dass die politischen Entscheidungsträger der Mehrheit der Bevölkerung folgen.

 

Wird die S18 jemals gebaut?

Zoll Ich glaube ja, auch wenn es schneller gehen könnte.

Burtscher In St. Gallen sieht man, wie die Stadt ihre Infrastruktur auf die Zukunft ausrichtet, unabhängig davon, welcher Antrieb es sein wird. Es geht nicht darum, Straßen für Verbrennungsmotoren zu bauen, sondern darum, dass der Mensch auch in Zukunft individuell reisen will. Somit wird es auch Straßen brauchen.

Gemeinsames Gespräch am Standort der Industriellenvereinigung in Lustenau. Für Burtscher kommt nun der Abschied, für Zoll startet ein neues Kapitel. VN/Steurer
Gemeinsames Gespräch am Standort der Industriellenvereinigung in Lustenau. Für Burtscher kommt nun der Abschied, für Zoll startet ein neues Kapitel. VN/Steurer
Neuer und alter IV-Geschäftsführer auf einer Bank: Christian Zoll und Mathias Burtscher (r.).
Neuer und alter IV-Geschäftsführer auf einer Bank: Christian Zoll und Mathias Burtscher (r.).

Zu den Personen

Mathias Burtscher (40)

legt die Geschäftsführung der Industriellenvereinigung mit 9. Juli zurück

Ausbildung Studium Politikwissenschaften und Wirtschaft in Innsbruck

Laufbahn im Rahmen der IV-Traineeausbildung arbeitete er u.a bei Karlheinz Kopf im Nationalrat sowie bei Otmar Karas in der EU-Organisation; seit 2011 Geschäftsführer der IV 

 

Christian Zoll (28)

neuer IV-Geschäftsführer

Ausbildung Jus-Studium in Wien

Laufbahn Traineeausbildung bei der Industriellenvereinigung; mehrere politiknahe Stationen, bis 2019 einer der Vorsitzenden der Bundesjugendvertretung; zuletzt im Kabinett von Staatssekretär Magnus Brunner im Bundesministerium tätig