Rezepte für den Arbeitsmarkt

Markt / 27.02.2022 • 18:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Vergleich mit anderen Ländern zeigt, wie mehr Arbeitskräfte mobilisiert werden können.

Wien, Schwarzach Arbeitnehmer und -geber haben die letzten zwei Jahre ein Wechselbad bisher nicht gekannten Ausmaßes erlebt. Von der Rekordarbeitslosigkeit im ersten Coronajahr 2020 bis zum Fachkräfte bzw. Arbeitskräftemangel derzeit. An den Arbeitslosenzahlen ist das nicht unbedingt abzulesen, denn österreichweit ist die Zahl arbeitsloser Menschen immer noch sehr hoch, lediglich im Westen und damit auch in Vorarlberg (derzeit 9183 Arbeitssuchende) nimmt sie stärker als im Österreich-Vergleich ab.

Vorarbeit geleistet

Für Arbeitsminister Martin Kocher ist diese Situation ein Grund, mit Reformen für mehr Bewegung am Arbeitsmarkt zu sorgen. Im März findet dazu eine Enquete mit Parlamentariern, Sozialpartnern und Experten statt. Die Denkfabrik Agenda Austria hat schon einmal Vorarbeiten geleistet, die von Agenda-Chef Franz Schellhorn und dem Arbeitsmarkt-Experten der Denkfabrik, Hanno Lorenz, vorgestellt wurden.

Lorenz hat nicht etwa selbst Vorschläge erstellt, sondern bezieht sich auf Best Practice-Beispiele aus anderen europäischen Ländern, die für mehr Bewegung am Arbeitsplatz sorgen. „Dass die Motivation, sich eine neue Arbeitsstelle zu suchen, in Österreich geringer ist als anderswo, hängt damit zusammen, dass bei uns Arbeit so hoch besteuert ist wie in fast keinem anderen Land“, stellt Schellhorn fest. Würden österreichische Arbeitnehmer so besteuert wie ihre schwedischen Kollegen, blieben Durchschnittsverdienern 182 Euro netto mehr – pro Monat. Oder 2184 Euro im Jahr. Das schwedische Steuersystem kennt auch keine kalte Progression, betont Lorenz.

Flexibler Arbeitsmarkt

Anreize sieht Lorenz auch im dän-
ischen Flexicurity-Modell, das im wesentlichen ein flexibler Arbeitsmarkt ist, wo Arbeitgeber je nach Nachfrage Arbeitskräfte aufnehmen und ebenso schnell wieder kündigen können. Das Jobcenter kümmert sich um eine schnelle Reintegration in den Arbeitsmarkt. Arbeitssuchende werden stark gefördert, lehnen sie allerdings mehrere Arbeitsangebote ab, wird die Unterstützung gekürzt. Das habe für eine der geringsten Arbeitslosenquoten international gesorgt. Auch setzen die Dänen auf eine degressive Ausgestaltung des Arbeitslosengeldes, d. h. am Anfang bekommt man ein hohes Arbeitslosengeld, das mit der Dauer der Arbeitslosigkeit abnimmt. In Österreich hingegen ist das Arbeitslosengeld gleichbleibend und auch die Notstandhilfe weicht nicht sehr davon ab. Dass man daneben auch noch zuverdienen könne, mache es für viele nicht attraktiv, wieder eine Daueranstellung anzunehmen, sagt Lorenz.

Ganztagesbetreuung

Weitere Beispiele, wie vor allem Langzeitarbeitslosigkeit – Österreich hat mit 25 Prozent eine der höchsten Raten (Schweden 12 Prozent) Europas – vermieden werden kann, fanden die Agenda-Austria-Experten in den Niederlanden mit den Experience Ratings, bei welchen die gesundheitspolitische Verantwortung gleichermaßen auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber verteilt wird, was dazu führe, dass Unternehmen und deren Beschäftigte präventive Maßnahmen ergreifen, um Krankheit und Invalidität zu vermeiden. Das Ergebnis: Die Menschen gehen nicht so früh in Pension und stehen den Unternehmen länger als Arbeitskräfte zur Verfügung. Und natürlich ist auch in Sachen Frauenbeschäftigtung die Betreuung in der Familie ein großes Thema: 40 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen in Österreich geben Betreuungspflichten als Grund für ihr Beschäftigungsausmaß an, gegenüber knapp drei Prozent in Dänemark. „Das liegt auch daran, dass es vielerorts am entsprechenden Ganztagsbetreuungsangebot fehlt“, so Schellhorn, „wer also eine höhere Frauenbeteiligung am Arbeitsmarkt will, wird auch das Schulsystem sowie die Betreuung der Kinder an den Nachmittagen mitdiskutieren müssen.“ VN-sca

„Viele wollen zu den gebotenen Löhnen nicht arbeiten, andere sind nicht qualifiziert“

„Viele wollen zu den gebotenen Löhnen nicht arbeiten, andere wiederum sind nicht qualifiziert.“