Von elf Prozent auf null

Markt / 29.06.2022 • 22:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das neue Kraftwerk (re. vorne) wird ins Werksgelände eingebunden. Fertigstellung bis Ende 2024. Fa
Das neue Kraftwerk (re. vorne) wird ins Werksgelände eingebunden. Fertigstellung bis Ende 2024. Fa

Gasausstieg: Rondo baut Reststoffkraftwerk, Nachbar 11er schlägt gemeinsames Werk vor.

Frastanz Ein Meilenstein nicht nur für Frastanz, sondern für das Land. So bezeichnete der Frastanzer Bürgermeister Walter Gohm die am Mittwoch bekanntgegebenen Pläne des Papier- und Verpackungskonzerns Rondo Ganahl, ein eigenes Kraftwerk zu bauen. Man wolle damit einen entscheidenden Schritt machen, um die Abhängigkeit vom Erdgas zu beenden, informierten am Mittwoch die Vorstände und Geschäftsführer des Unternehmens, Sigrid Rauscher, Udo Nachbaur und Hubert Marte über den geplanten Bau eines Reststoffkraftwerkes auf dem Firmen­areal. 70 Millionen Euro sind dafür veranschlagt, firmenintern wurde das Projekt bereits abgesegnet, auch die Frastanzer Gemeindevertretung, die am Dienstag über die Pläne informiert wurde, wird die Pläne des Unternehmens unterstützen, das nicht nur ein Meilenstein ist, sondern ein entscheidender Schritt zur Energieautonomie der Marktgemeinde sei.

Sowohl die Gemeinde als auch das Unternehmen haben ihre Aktivitiäten bereits vor Jahren begonnen, die jetztige Situation mit dem Ukrainekrieg und dem drängenden Energiewandel habe für eine Zunahme der Dringlichkeit, verbunden mit einem höheren Umsetzungstempo gesorgt, sind sich die Konzernmanager und der Gemeindechef einig. Kurt Michelini, Geschäftsführer der Frastanzer Brauerei und potenzieller Energiekunde des neuen Kraftwerks, sowie E-Werke Frastanz-Chef Rainer Hartmann, dessen Unternehmen bereits drei Wasserkraftwerke, Photovoltaikanlagen und das Nahwärmenetz betreiben, unterstützen die Pläne. Weitere Unternehmen und die Gemeinde haben bereits Interesse an einem Anschluss angemeldet.

Rondo Ganahl ist Vorarlbergs größter Erdgasverbraucher mit 150 GWh an thermischer Energie. Das entspricht etwa dem Jahresbedarf von 10.000 Haushalten, so Vorstand Udo Nachbaur. In Betrieb gehen soll das Kraftwerk, das mit Reststoffen betrieben wird, Ende 2024 bzw. Anfang 2025. Zur Energiegewinnung werden 35.000 Tonnen Reststoffe, die bei der Papierherstellung anfallen oder bereits vorgereinigte Altpapierabfälle, die von Vorarlberger Entsorgern kommen, verwendet. Jährlich fallen in Vorarlberg ca. 100.000 Tonnen dieser Reststoffe an, die bisher im benachbarten Ausland energetisch verarbeitet werden. Das Kraftwerk in Frastanz wird auf dem aktuellsten Stand der Technik ausgeführt, so Nachbaur, um die maximale Qualität der gesamten Anlage und Filtersysteme zur Vermeidung von Emissionen zu bieten. Als Standort wurde eine bisher als Parkplatz genutzte Fläche auf dem Gelände von Rondo festgelegt. Nach Inbetriebnahme werden damit 80 Prozent der benötigten Energie im Papierwerk bereitgestellt, die restlichen 20 Prozent sind, so Nachbaur notwendig, damit das Werk, das durchgehend in Betrieb ist, auch bei Revisionen oder bei einem Leistungsabfall notwendige Energie bekomme. Und selbst diese 20 Prozent könnten durch Biogas ersetzt werden.

Denn nur einige Meter entfernt ist das Unternehmen, das nach Rondo der zweitgrößte Erdgasverbraucher Vorarlbergs ist. Der Lebensmittelerzeuger 11er Nahrungsmittel Gmbh, der aus den Abfällen auch Biogas erzeugt, das bei Rondo verwendet werden könnte. Die Nachbarn verbrauchen zusammen elf Prozent des Erdgases im Land, so viel wie etwa 16.000 Haushalte verbrauchen. Würden die Nachbarn zusammenspannen und gemeinsam ein Kraftwerk betreiben wäre das „ein Leuchtturm nicht nur für Vorarlberg, sondern für Österreich“. Allerdings hat die Sache einen Pferdefuß. So wie das Rondo-Kraftwerk jetzt geplant ist, muss keine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) durchgeführt werden, die mehrere Jahre, aber durchaus auch Jahrzehnte dauern könnte. „Es bräuchte jetzt nicht nur ein Signal, sondern einen großen Schritt der Politik, dann könnten wir zusammen ein Wertstoffkraftwerk bauen und hätten mit einem Schlag elf Prozent des Erdgasverbrauchs abgebaut“, sagt 11er-Geschäftsführer Thomas Schwarz. Doch ein langwieriges Verfahren will auch er nicht riskieren, zumal die Abhängigkeit von Russland wie von fossiler Energie so schnell wie möglich reduziert werden müsse. „Sonst bauen wir eben nebeneinander zweimal ein solches Kraftwerk, doch das wäre eine vertane Chance.“ VN-sca

Allianz für Energieautonomie. FA/Sams
Allianz für Energieautonomie. FA/Sams
11er: Gemeinsam Kraftwerk bauen.
11er: Gemeinsam Kraftwerk bauen.