Euroraum vor erster Zinserhöhung seit elf Jahren

Markt / 21.07.2022 • 09:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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APA/dpa/Frank Rumpenhorst

Die mit einer hohen Inflation konfrontierte EZB berät an diesem Vormittag über eine Abkehr von der Ära der Nullzinspolitik.

Frankfurt/Main An den Finanzmärkten wird gerätselt, ob die geldpolitische Zäsur mit einem größeren Zinsschritt einhergeht oder womöglich eher klein ausfällt. Es soll eine Anhebung um einen Viertel-Prozentpunkt ebenso wie die Option einer Erhöhung um einen halben Punkt zur Sprache kommen.

In jedem Fall gilt die Zinswende als historische Zäsur. Zuletzt hatte die EZB 2011 den Preis des Geldes verteuert. Die Entscheidungen der Notenbank werden am Nachmittag (14.15 Uhr) verkündet.

Unter den führenden Notenbanken ist die EZB in puncto Zinswende ein Nachzügler. In den USA hat die Federal Reserve schon viel früher auf den anhaltenden Inflationsschub mit Zinserhöhungen reagiert. Die EZB hält dagegen ihren Schlüsselsatz noch auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Zudem müssen Banken eine Art Strafgebühr zahlen, wenn sie bei der Notenbank überschüssiges Geld parken. Dieser sogenannte Einlagensatz liegt bei minus 0,5 Prozent.

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Die EZB gerät durch die Rekordinflation im Euroraum jedoch nun unter Zugzwang, die Zinsen zu erhöhen. Damit werden dann Kredite für Konsum und Investition teurer, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb tendenziell dämpfen kann. Angetrieben von immer teurerer Energie im Zuge des Ukraine-Kriegs stiegen die Verbraucherpreise zuletzt um 8,6 Prozent im Euroraum. Die Europäische Zentralbank (EZB) verfehlt damit ihr Inflationsziel sehr deutlich. Sie strebt zwei Prozent als optimalen Wert für die Wirtschaft an.

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Zugleich zeichnet sich Insidern zufolge in der EZB eine Einigung auf ein kontrovers diskutiertes EZB-Programm ab, mit dem hoch verschuldete Staaten wie Italien bei Turbulenzen am Anleihenmarkt gestützt werden könnten. Voraussetzung dafür, dass einem Land mit diesem neuen Instrument geholfen wird, soll demnach sein, dass es sich an Vorgaben der EU-Kommission mit Blick auf Reformen und Haushaltsdisziplin hält. Die Renditen für Staatsanleihen der Euro-Länder waren im Zuge der erwarteten Zinswende der EZB stark gestiegen. Besonders kräftig legten die Renditen hoch verschuldeter Euro-Staaten wie Italien zu. Das bedeutet höhere Finanzierungskosten für diese Länder.

Experten verweisen jedoch darauf, dass die EZB in rechtlich gefährliches Fahrwasser geraten könnte, sollte beispielsweise Italien inmitten einer akuten Regierungskrise gestützt werden. Dies wäre Wasser auf die Mühlen all jener Kritiker, besonders in Deutschland, die der EZB verkappte Staatsfinanzierung vorwerfen. Gegner früherer EZB-Anleihen-Kaufprogramme waren bis vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gezogen. “Der EZB-Rat sollte neue Marktinterventionen nur in Betracht ziehen, wenn sie auf einer europarechtlich einwandfreien Grundlage stehen”, mahnte Marija Kolak, Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). APA