Hannes Androsch

Kommentar

Hannes Androsch

Herausfordernde Zeiten

Markt / 28.10.2022 • 22:40 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wir erleben derzeit einen Zeitenbruch: Nach der Implosion des Sowjetimperiums und der wirtschaftlichen Öffnung Chinas und Indiens entstand auf Basis wohlstandschaffender Globalisierung in den vergangenen Jahrzehnten zunehmende geopolitische Stabilität und Zusammenarbeit. Wir hofften auf „Wandel durch Handel“, müssen nun aber feststellen, dass der Wandel darin bestand, dass zu der seit Ende des Zweiten Weltkrieges bestehenden Abhängigkeit unserer Sicherheitspolitik von den USA auch noch die Abhängigkeit unserer Energieversorgung von Russland und unsere wirtschaftliche Abhängigkeit von China hinzugekommen ist. Abhängigkeit besteht gerade auch in den Bereichen Hochtechnologie und Digitalisierung, weshalb weder in Europa und noch weniger in Österreich die Rede technologischer Souveränität sein kann. Wir mussten auch erkennen, dass Chinas Streben nach globaler Vormachtstellung und Putins Fantasie von einem großrussischen Reich erneut zu antagonistischer Blockbildung, Krieg in der Ukraine und Kriegsgefahren geführt haben.

Gleichzeitig erfährt die von Schocks und Krisen geschüttelte Weltwirtschaft – vergleichbar mit der biblischen Plage – eine wohlstandsmindernde Fragmentierung und insgesamt eine neue Ära der Instabilität und Volatilität.

Auf all das war niemand vorbereitet. Gleichwohl werden sich die Folgen unterschiedlich verteilen. Klar ist, dass Europa einen weiteren Bedeutungsschwund erleidet, klar ist aber auch, dass Russland den größten Preis zu zahlen haben wird und wohl auch viele Entwicklungsländer. Chinas Aufstieg wird gebremst und Amerika wird gestärkt sein.

Und Österreich? Wir haben die Friedensdividende verjubelt statt für die Zukunft vorzusorgen, haben wichtige Aufgaben wie die Sicherung kritischer Infrastruktur oder Bildung, Wissenschaft und Forschung kläglich vernachlässigt und haben leistungsavers konsumiert statt zu investieren. Und trotz der nun spürbaren Folgen wird immer noch versucht, diese mittels wahl- und ziellos verteilter Unsummen auf Basis blinder Schuldenmacherei zuzudecken. Man verwechselt „what ever it takes“ mit „koste es, was es wolle“ nach dem Motto: „Hinter mir die Sintflut“. Die Rechnung dafür wird sehr bald verschämt als „Konsolidierungsprozess“ präsentiert werden und vor allem von der Generation Z bezahlt werden müssen. Und während wir unserem Nobelpreisträger zujubeln, können unsere Universitäten nicht einmal mehr die Heizkosten bezahlen, und fehlt es bei der Kinderbetreuung und in unseren Schulen so ziemlich an allem, in erster Linie an Personal. Wir haben es uns zu lange mit Vollkaskomentalität in einer Wohlfühlgesellschaft bequem gemacht, und müssen uns daher jetzt den rauen Stürmen einschneidender Veränderung stellen. Das aber wird bei uns nur möglich sein, wenn wir die seit Jahren skandalbedingte politische Lähmung rasch überwinden.

Hannes Androsch

markt@vn.at

Dr. Hannes Androsch ist Finanz­minister i. R. und Unternehmer.

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