Deshalb wollen Sozialunternehmen mehrjährige Budgets

Markt / 27.04.2023 • 18:44 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Die Industrienahe Fertigung der Aqua Mühle bietet Arbeitsplätze für gesundheitlich angeschlagene Menschen.                           <span class="copyright">Fotos: Arbeit +/Alexandra Serra</span>
Die Industrienahe Fertigung der Aqua Mühle bietet Arbeitsplätze für gesundheitlich angeschlagene Menschen. Fotos: Arbeit +/Alexandra Serra

Tag der Arbeitslosigkeit: Trotz Arbeitskräftemangel braucht es weiterhin einen zweiten Arbeitsmarkt.

Frastanz Ein “Tag der Arbeitslosen” – braucht es das in der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation überhaupt. Und warum sind Menschen in Vorarlberg arbeitslos, wenn alle Firmen verzweifelt Arbeitskräfte suchen? Eine Antwort auf diese Fragen gaben die Vertreter der Vorarlberger Sozialunternehmen, die unter dem Namen “Arbeit +” zusammenarbeiten, die über die aktuelle Situation am zweiten Arbeitsmarkt Bericht gaben. Cornelia Praeg-Strasser, die nach langer Arbeitslosigkeit in einem Sozialunternehmen Arbeit fand, berichtete, wie sie in die Situation geriet und was sie mit ihr gemacht hat. Mit der Trennung vom Mann, bei dem sie auch geringfügig angestellt war, begann der Abstieg. “Ich habe nicht verstanden was passiert, hatte Existenzängste, weil auch die Ersparnisse schmolzen.” Cornelia Praeg-Strasser hat zwei Töchter – die Situation der Mutter belastete auch sie, wie Tochter Lisa Praeg berichtete.

Deshalb wollen Sozialunternehmen mehrjährige Budgets
Michael Hämmerle, Stv. Geschäftsführer, Sozialarbeiter in der Kaplan Bonetti Beratungsstelle, Lisa Praeg, Tochter einer von Langzeitarbeitslosigkeit Betroffenen, Cornelia Praeg-Strasser, Invaliditätspensionistin und 2-fache Mutter, insgesamt 7 Jahre von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen, Benedicte Hämmerle, Geschäftsführerin von arbeit plus Soziale Unternehmen Vorarlberg, Florian Kresser, Obmann von arbeit plus Soziale Unternehmen Vorarlberg und Geschäftsführer Aqua Mühle Vorarlberg).

Die Suche nach Hilfe in den Amtsstuben des Landes taten das ihre dazu. “Ich konnte nicht mehr selbstständig zu Bewerbungsgesprächen gehen”, erzählt sie. Ihre Tochter begleitete sie und sorgte auch für Umschwung. Sie entdeckte die Aqua Mühle. Dort fasste Praeg-Strasser langsam wieder Tritt, wurde unkompliziert auf- und angenommen, ihr wurde die Würde wiedergegeben. Die Erfahrungen führten auch zu ihrem Wunsch, den sie anlässlich des Tages der Arbeitslosen formulierte: “Ich wünsche mir vom Land, dass nachfolgende Generationen ausgebildet werden, wie sie bei Gesprächen in Ämtern zurechtkommen, und für ältere Menschen Ausfüllhilfen.”

600 Transitarbeitsplätze

Hinter jedem der rund 600 Menschen, die jährlich bei den Sozialunternehmen arbeiten, steckt ein hartes Schicksal. meist aber auch eine Familie, die unter den Umständen leidet. In  der Arbeitsmarktstatistik ist das nicht ersichtlich”, die nackten Zahlen zeigen nur, dass es trotz boomendem Arbeitsmarkt noch arbeitslose Menschen gibt. Doch eine Sockelarbeitslosigkeit ist auch dadurch bedingt, dass viele langzeitarbeitslose Menschen gesundheitlich so gehandicapt sind, dass sie nicht in den normalen Arbeitsprozess integriert werden können.

Deshalb ist es für Benedicte Hämmerle, Geschäftsführerin von Arbeit +, Florian Kresser, Obmann von Arbeit + S und Geschäftsführer von Aqua Mühle Vorarlberg, sowie Michael Hämmerle, Stv. Geschäftsführer von Arbeit + und Sozialarbeiter in der Kaplan Bonetti Beratungsstelle, unverständlich, dass das Land Jahr für Jahr die Sozialunternehmen bis zum letzten Moment zittern lässt, wie viel Budget sie bekommen. Heuer sind es 7,1 Millionen Euro vom AMS, 2,3 Millionen weniger als im vergangen Jahr. Das Land steuert 2,9 Millionen Euro bei.

Lisa Praeg, Inhaberin Büro für Kollaborationskultur in Höchst, Tochter einer von Langzeitarbeitslosigkeit Betroffenen, Cornelia Praeg-Strasser, Invaliditätspensionistin und 2-fache Mutter, insgesamt 7 Jahre von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen.
Lisa Praeg, Inhaberin Büro für Kollaborationskultur in Höchst, Tochter einer von Langzeitarbeitslosigkeit Betroffenen, Cornelia Praeg-Strasser, Invaliditätspensionistin und 2-fache Mutter, insgesamt 7 Jahre von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen.

Arbeit + fordert die langfristige Zusage von Fördermitteln, um Betroffenen passende Beschäftigungsplätze bieten zu können und auch ihrem Auftrag, 60 Prozent ihres Budgets selbst erwirtschaften zu müssen, nachkommen können. „Anstatt eingeschränkt arbeitsfähige Menschen von einer Institution zur nächsten zu schicken, wäre es sinnvoller, diese ihrem Leistungsvermögen entsprechend zu beschäftigen, auch längerfristig. Die sozialökonomischen Betriebe und die dort beschäftigten Menschen leisten wertvolle Arbeit.

Bilanz und Ausicht der Sozialunternehmen Vorarlbergs

Auch wenn die Arbeitslosenzahlen in Vorarlberg aktuell stagnieren und es im März 2023 mit 1507 gemeldeten Personen um etwa ein Viertel weniger Langzeitarbeitslose als im Vorjahr gab, sieht der Verband arbeit plus Soziale Unternehmen Vorarlberg keinen Grund, sich zurückzulehnen. Im Gegenteil: Der Verband warnte bei seiner Pressekonferenz am 27. April 2023 ausdrücklich vor schweren psychosozialen und gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen für viele Betroffene, sollten weitere Beschäftigungsplätze aufgrund fehlender Finanzierung eingestellt werden müssen. arbeit plus und das AMS rechnen mit einem Wiederanstieg der Arbeitslosenzahlen in den nächsten Monaten.

Ein*e Langzeitarbeitslose*r ist selten allein betroffen
Die offizielle Zahl an Langzeitarbeitslosen im Land ist im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres zurückgegangen. Aber die Problematik Langzeitarbeitslosigkeit betrifft immer mehr Personen, als auf den ersten Blick sichtbar ist: „Die offizielle Zahl ist nur begrenzt aussagekräftig, denn Langzeitarbeitslosigkeit beeinträchtigt fast immer auch das Leben von zwei bis drei weiteren Familienmitglieder bzw. Personen im Umfeld. Man darf das Problem also nicht isoliert betrachten. Hinter jeder langzeitarbeitslosen Person steht oft eine Partnerin oder ein Partner, Kinder oder Eltern, die mitbetroffen sind und leiden – weil Langzeitarbeitslosigkeit krank macht. Die psychische Belastung ist für die Betroffenen groß“, schildert Benedicte Hämmerle, Geschäftsführerin von arbeit plus Soziale Unternehmen Vorarlberg, und ergänzt: „Zu Existenzängsten kommen negative Einflüsse auf das Selbstwertgefühl, zum Beispiel durch das fehlende Ansehen in der Gesellschaft bzw. die Stigmatisierung, dass langzeitarbeitslose Menschen faul seien. Das Belastungspaket führt vielfach zu chronischen Erkrankungen wie Depressionen, Angstzuständen, Schlaf- und Essstörungen oder Drogenabhängigkeit.“

Turbo auf dem Weg zur Kinderarmut
Laut arbeit plus wirkt sich Arbeitslosigkeit oft auch negativ auf die Zukunftschancen der Kinder von Betroffenen aus und geht mit Kinderarmut einher. Das bestätigt auch Michael Hämmerle, der Stellvertretende Geschäftsführer von Kaplan Bonetti: „Als Sozialarbeiter in der Beratungsstelle in Dornbirn sehe ich die Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit täglich hautnah, und dazu gehört leider auch, dass Kinder von arbeitslosen Eltern schnell armutsgefährdet sind.“ Verfestigt sich Arbeitslosigkeit einmal, ist die Gefahr groß, dass sie an die nächste Generation weitergegeben wird. „Es ist unser aller Pflicht, hier entgegenzusteuern und am Arbeitsmarkt benachteiligten Menschen langfristig eine würdige Beschäftigung zu ermöglichen“, unterstreicht Florian Kresser, Obmann von arbeit plus und Geschäftsführer Aqua Mühle Vorarlberg.

30 Prozent sind gesundheitlich eingeschränkt
Zirka 2500 bzw. 30 Prozent aller vorgemerkten Arbeitslosen haben laut AMS gesundheitliche Probleme und sind daher nur begrenzt vermittelbar. „Wir müssen uns um alle kümmern, nicht nur um die Vermittelbaren – jede und jeder einzelne Langzeitarbeitslose ist eine oder einer zu viel. Man muss auch berücksichtigen, dass es weitere Menschen gibt, die zwar einen Arbeitswunsch haben, aber gar nicht beim AMS gemeldet sind. Sie haben oft gar nicht die Kraft, sich der Bürokratie oder den Anforderungen der Behörden zu stellen. Viele haben zudem den Mut verloren, jemals wieder eine Arbeit zu finden. Auch sie tauchen in keiner Statistik auf“, unterstreicht Benedicte Hämmerle.

Fördermittel wirken
Dass die aktuellen Zahlen über die Langzeitarbeitslosigkeit in Vorarlberg zurückgegangen sind, begründet arbeit plus unter anderem mit dem größeren Fördervolumen während der Corona-Pandemie 2021/22: „Dank der Fördermittel durch das Land und das AMS konnten viele Langzeitarbeitslose bei einem Sozialen Unternehmen beschäftigt werden oder eine Ausbildung machen. Sie scheinen daher nicht in der Arbeitslosenstatistik auf. Die Fördermittel zeigen also ihre Wirkung. Allerdings wird jetzt wieder überall gekürzt, was verheerende Folgen für Langzeitarbeitslose und ihr familiäres Umfeld haben wird“, unterstreicht Florian Kresser. „Wir müssen das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit möglichst früh bekämpfen. Je länger wir abwarten, desto eher verfestigt sich die Situation der Betroffenen, desto umfangreicher werden vermutlich die negativen Folgen auf ihre Mitmenschen sein – und auch umso teurer für die Steuerzahlenden.“

Forderung nach gesicherten Beschäftigungsplätzen
arbeit plus fordert die langfristige Zusage von Fördermitteln, um Betroffenen passende Beschäftigungsplätze bieten zu können. „Anstatt eingeschränkt arbeitsfähige Menschen von einer Institution zur nächsten zu schicken, wäre es sinnvoller, diese ihrem Leistungsvermögen entsprechend zu beschäftigen, wenn nötig auch längerfristig. Die sozialökonomischen Betriebe im Verband arbeit plus und die dort beschäftigten langzeitarbeitslosen Menschen leisten wertvolle Arbeit. Betroffene können, je nach Möglichkeit, wichtige gemeinnützige Aufgaben übernehmen: beispielsweise in Schulkantinen, bei der Altkleidersortierung, beim Recycling, bei der Betreuung von öffentlichen Grünanlagen oder in Pflege- und Sozialeinrichtungen“, fasst Benedicte Hämmerle abschließend zusammen.

Forderungen</strong>

Langfristige Zusage von Fördermitteln für den steuerschonenden Erhalt entsprechender Beschäftigungsplätze

Abbau von Arbeitserschwernissen rund um die Themen Arbeitszeit, Kinderbetreuungs- und Pflegeangebote, altersgerechte, gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen, Mobilitätsangebote etc.

Stufenweise Übergänge in den Arbeitsmarkt ermöglichen

Neubewertung des Arbeitslosengeldes als Existenzsicherung

Von Unternehmensseite: Arbeitsplätze mehr an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten (flexible Arbeitszeiten, 30:30-Model, Top-Job-Sharing etc.)

Höhere Löhne für Geringqualifizierte, aber gesellschaftlich notwendige Jobs

Zahlen, Daten, Fakten

Geschäftsführerin Benedicte Hämmerle

Obmann Florian Kresser

Mitgliedsbetriebe Aqua Mühle, Kaplan Bonetti Arbeitsprojekte, Integra,

carla – Caritas Vorarlberg, Dornbirner Jugendwerkstätten

AMS-Förderung 23 geplant 7,1 Mill. (2022: 9,4 Mill.)

Landesförderung 23 2,9 Mill. Euro

Betreuungsangebot diverse gemeinnützige Tätigkeiten in befristeten Dienstverhältnissen, Arbeitstrainings, Qualifizierungsangebote, Schulungen,

persönliche Unterstützung durch SozialarbeiterInnen

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