„Bin gar nicht schamlos“

Menschen / 20.08.2013 • 21:12 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
2008 erschien Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“ und entpuppte sich als Bestseller Foto: EPA
2008 erschien Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“ und entpuppte sich als Bestseller Foto: EPA

Bestseller-Autorin Charlotte Roche über „Feuchtgebiete“, Tabus und den Glauben.

München. (lh) Vor fünfeinhalb Jahren erschien ihr Buch „Feuchtgebiete“ und wurde ein Bestseller. Auf absolut unkonventionelle Art beschäftigte Charlotte Roche sich darin mit Intimhygiene, ­Masturbationstechniken,

Analverkehr, Intimrasur oder Prostitution. Jetzt ist die Kinoversion da. Der von David Wnendt inszenierte Film läuft am 23. August in unseren Kinos an. Ein Gespräch mit der Autorin im Bayerischen Hof in München.

Heute schon geduscht, Frau Roche?

CHARLOTTE ROCHE: Ja, wie jeden Morgen. Aber nicht aus innerem Bedürfnis, sondern vielleicht Ihnen zuliebe. Den Mitmenschen zuliebe. An sich hasse ich es, wenn ich nass aus der Dusche komme. Es wird mir auch so schnell kalt. Lieber würde ich zwei, drei Tage überhaupt nicht unter die Brause gehen, aber Freunde, mit denen ich gern Zeit verbringe, möchten halt, dass ich „gut rieche“. Dabei finde ich es ziemlich dumm, den eigenen Körpergeruch mit Chemie zu übertünchen.

Finden Sie, dass Sie mit Ihrem Buch Tabus gebrochen haben?

ROCHE: Alle denken: die schämt sich für nichts. Sie hat eine große Klappe und nichts ist ihr peinlich. Dabei habe ich dieses Buch geschrieben, weil ich mich so schäme. Ich fühlte mich unfrei und schamhaft behaftet. Deshalb war dieser Druck da, mich davon zu befreien.

Sie wurden auch als „Schamlos-Charlotte“ bezeichnet. Also falsch?

ROCHE: Wie schon gesagt, ich bin gar nicht schamlos. Ich schäme mich für so viele Dinge, die meinen Körper betreffen und die Körperflüssigkeiten. Deshalb habe ich diese Figuren im Buch erfunden. Wenn man ein Tabu bricht, indem man darüber spricht, baut man Verbindungen auf. Dann ist man nicht mehr allein.

Wie viel Charlotte steckt in der Hauptfigur Helen?

ROCHE: Ich habe immer gesagt, 70 zu 30. Das war mehr ein Witz. Umgekehrt ist es richtiger. Ich hab‘ ja sehr viel von dem geschrieben, was mir Freundinnen anvertraut haben.

Als Sie an „Feuchtgebiete“ schrieben – konnten Sie sich diesen Erfolg vorstellen?

ROCHE: Ich wusste damals nicht, ob ich es überhaupt schaffen würde, das Buch zu Ende zu schreiben.

War nicht ein anderer Buch-Erstling vorgesehen – mit dem Titel „Die Bärte der Proleten“? Was wurde daraus?

ROCHE: Ach, das war ein anderer Verlag. Der hat mir einen Vorschuss bezahlt, den ich gleich ausgegeben habe. Ausgehend von meiner TV-Moderatorentätigkeit hatten sie sich etwas über die Pop-Kultwelle erwartet. Ein oberflächliches Buch. Doch mir kam keine Idee. Vor allem nach dem schrecklichen Unfall ging das keinesfalls.

Das war 2001: Ihr Bruder und Ihre Stiefbrüder verunglückten bei einem Unfall tödlich. Fällt man nach einem solchen Ereignis nicht in ein tiefes Loch?

ROCHE: So schnell wird man nicht verrückt. Gott sei Dank kann der Mensch viel aushalten, ohne dass er verrückt wird. Ich hab’ danach ziemlich viel gearbeitet, mit der linken Arschbacke halt, und mich gewundert, wie einfach das nach dieser Tragödie war.

Wie halten Sie es mit der Kirche?

ROCHE: In meiner Familie waren alle Omas und Opas nicht getauft. Ich bin atheistisch erzogen. Aber das ist auch ein trauriges Leben, denn man hat wenig Trost. Wenn einer tot ist, glaubt unsereiner halt, dass man ihn nie wieder sieht. Das bedeutet auch eine gewisse Sinnlosigkeit, überhaupt auf der Welt zu sein. Eigentlich müsste man Mitleid mit Atheisten haben. Die Agnostiker halten sich immerhin ein Türchen offen. Tief in mir denke ich schon, dass ich es gern hätte, wenn die Gläubigen recht haben.