Eine künstlerische Reise

Menschen / 23.11.2014 • 22:03 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Regisseur Mike Leigh im VN-Interview über seinen neuen Film „Mr. Turner – Meister des Lichts“.

London. (VN-lh) Ein Film über einen Maler. Über Englands bedeutendsten Maler J.M.W. Turner. Ohne Stars. 149 Minuten Spieldauer. Trotzdem keine Minute zu lang. Mike Leighs (71) Meisterwerk „Mr. Turner – Meister des Lichts“ läuft aktuell auch in den österreichischen Kinos.

Malen ist eine Kunst der Stille. Gewiss nicht einfach, einen Film über einen Maler zu machen und das Geld dafür zu kriegen?

Leigh: Sie sagen es. Ich habe mich viele Jahre mit der Person des J.M.W. Turner und seiner Kunst beschäftigt. Seit 1999 möchte ich diesen Film machen. Jetzt ist er da. Das sagt alles über die Schwierigkeiten der Finanzierung. Die Geldgeber hätten natürlich am liebsten einen Johnny Depp in der Titelrolle gesehen.

Was war an diesem Mister Turner so spannend?

Leigh: Sein kontroversielles Leben, das Spannungsfeld zwischen seinen verschiedenen Eigenschaften. Er war streitsüchtig, egoistisch, exzentrisch, verletzlich, sanftmütig, poesievoll und leidenschaftlich. All das aber im Dienste seiner Kunst. Ein Genie und trotzdem ein ganz gewöhnlicher Mensch wie du und ich. Deshalb habe ich den Film auch „Mr. Turner“ und nicht „Turner“ genannt.

Für seine Leistung wurde Tomothy Spall in Cannes zum besten Hauptdarsteller gekürt. Logisch, dass er ihr „Mr. Turner“ wurde?

Leigh: Mehr als logisch. Wer sonst hätte einen so kleinen, dicken, geschwätzigen, extravertierten und doch sensiblen Typ spielen können? Es ist mein fünfter Kinofilm mit ihm, und besonders grandios war er in „Topsy-Turvy“. Wir haben miteinander auch einen TV-Film und ein Theaterstück gemacht.

War er von Anfang an in dieses Projekt eingeweiht?

Leigh: Nicht hundertprozentig. Aber er hatte wohl davon gehört, und da gibt es eine hübsche Geschichte, die er mir erzählte. Er war einmal in London spazieren, landete in einem Pub an der Marsden Lane, bestellte ein Bier und registrierte auf einmal, dass er sich in jenem Haus befand, das der alte Barbier-Laden war, in dem Turner geboren wurde. Er rief mich an, fragte: „Wolltest du nicht diesen Turner-Film machen? Ich würde gern …“ Ich antwortete: „Schau, schau. Großartig. Na gut, und jetzt lerne auch noch malen!“

Lernte er?

Leigh: Ich steckte ihn in eine Kunstschule. Dort musste er zunächst einen Vogelkopf zeichnen, wurde in alle möglichen Techniken eingeweiht, und als „Meisterarbeit“ ließ man ihn Turners berühmten „Schneesturm“ kopieren. Machte er sehr gut, und das Resultat hängte er stolz in sein Wohnzimmer.

Wie authentisch, denken Sie, ist Ihr Film?

Leigh: : Authentisch – das würde ich nie zu behaupten wagen. Ich habe alles, was ich über ihn lesen konnte, studiert, und auch seine Zeit. Dennoch: Ich war ja nicht dabei. Aber ich habe in den Sechzigern in der Tottenham Street gelebt, hatte mein Haus voll von Künstlern, Beatniks, Jazzmusikern, Dichtern, also Verrückten. Ich war demnach ausgiebig von Außenseitern und Bohemiens, von Typen wie Turner, umgeben. Turner befand sich sein ganzes Leben auf einer künstlerischen Reise. Ich konnte mich gut in ihn hineinfühlen.