„Bin seit 50 Jahren mit Textlernen beschäftigt“

Menschen / 11.07.2016 • 22:29 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Der Schauspieler, der bald 70 Jahre alt wird, gewährt Einblick in seine Arbeit.

Wien. (lh) Vier Premieren und ein Geburtstag: Zwei im Kino – „Smaragdgrün“ und „Toni Erdmann“ – zwei bei den Salzburger Festspielen: als Sprecher im Oratorium von
Peter Eötvös und als Prospero in Shakespeares „Sturm“. Außerdem feiert Peter Simonischek zur Festspielzeit,
am 6. August, seinen Siebziger.

Zwei Kinofilme, wobei „Toni Erdmann“ beim Festival in Cannes besonders gefeiert wurde, zwei Auftritte bei den Salzburger Festspielen. Ein schöner „Lauf“. Sie müssen momentan ein sensationelles Horoskop haben. Glauben Sie an so was?

Simonischek: Ich glaube an geschickte Formulierungskunst, auf dass man sich beim Lesen betroffen fühlt. Prinzipiell bin ich, was Horoskope betrifft, zu ungebildet. Doch als Kind der Aufklärung halte ich das alles generell für Humbug. Wiewohl, in Sachen Aberglaube: Als unser Hund eingeschläfert wurde, ist plötzlich die Uhr stehen geblieben. . . Aber, wie gesagt: Kind der Aufklärung. Und ob all das wirklich Glücksfälle sind, wird man erst bei den Premieren sehen.

Film eins: „Smaragdgrün“, nach „Rubinrot“ und „Saphirblau“ das Ende der Jugend-Fantasy-Zeitreise-Trilogie nach den Büchern von Kerstin Gier. Sie sind der „untote“ Graf von Saint Germain, der bereits ein paar Hundert Jahre alt ist. Was war für Sie der Reiz an der Sache?

Simonischek: Die Romane kannte ich nicht. Also habe ich noch vor dem ersten Film geschaut: Wer ist dabei? Da las ich: Katharina Thalbach, Johannes Silberschneider, Veronica Ferres. Und ich dachte: Na ja, wenn solche Kollegen mitmachen. . . Dann las ich das Drehbuch. Die Rolle: sehr schön, ein richtiger Bösewicht, der die Welt in seine Gewalt bringen möchte. Und dann eben mit solchen Kollegen, mit denen ein gewisses schauspielerisches Niveau garantiert war. Warum also nicht? Und ich müsste lügen, wenn ich sage, dass es mir nicht auch ein bisschen um die schöne Gage ging.

Was bei „Toni Erdmann“ gewiss nicht der Fall war?

Simonischek: Nein, das war ein echter Glücksfall. Da wurde das „Who is who“ der Schauspielerszene zum Casting gebeten. Ich hatte gerade einen Termin, als ich unter Robert Dornhelm für den „Sacher“-Zweiteiler drehte, also im Prinzip unabkömmlich war. Doch als ich ihm davon erzählte, meinte er: „Da musst du hin, ich löse diese Szene ohne dich, mit einem technischen Kunstkniff!“ Der Dornhelm, eben ein Weltbürger, der weiß, worum es bei solchen Sachen geht. Allein das extrem schräge Drehbuch mit Superszenen! Und am Ende stand dieser feine, erfreuliche Anruf, dass ich die Rolle hatte.

Der Dreh mit Partnerin Sandra Hüller, die Ihre Filmtochter ist, unter der Regie von Maren Ade – wie war’s?

Simonischek: Ja, die Sandra, eine besondere, unglaublich talentierte Partnerin. Und wer in die Fänge der Regisseurin Maren Ade gerät, hat wirklich Glück gehabt. Ernsthaftigkeit, Genauigkeit, und trotzdem immer diese gewisse Leichtigkeit. Diese Frau ist ein Jahrhunderttalent, ich habe selten so viel gelernt. Sie hat immer das kreiert, was beim Film zählt: die Wahrhaftigkeit des Augenblicks.

Und dann noch im offiziellen Bewerb des Festivals von Cannes?

Simonischek: Der Film war ja schon zwei Jahre alt, Maren Ade hat zwischendurch noch ein Kind gekriegt! Doch bereits beim Dreh hat sie prophezeit, „Toni Erdmann“ könnte Kult werden.

Salzburger Festspiele: Oratorium und dann auch noch der Prospero im „Sturm“. Nach Ihren großartigen „Jedermann“-Jahren noch einmal eine so tolle Rolle. Nicht auch Erfüllung eines Traumes?

Simonischek: Die Qualität von Träumen ist aber unterschiedlich. Manchmal euphorisch, manchmal mit großem Respekt vor der Sache. Auf jeden Fall ist es schön, dass es, nachdem Hans-Michael Rehberg ausgefallen war, jemandem eingefallen ist, mich zu fragen.

Das Oratorium von Eötvös und „Sturm“ bedeuten auch eine gewaltige Menge Textlernerei. Lernen Sie gern?

Simonischek: Ich sehe das als sportliche Sache. Gott sei Dank handelt es sich um eine Art von Arbeit, bei der man dann den Erfolg sieht. Was man nicht von jeder Arbeit behaupten kann. Im Sommer werde ich 70, und seit 50 Jahren bin ich mit Textlernen beschäftigt. Dass das vor zwanzig Jahren leichter ging als mit 70, na ja, das ist einfach so. Grundsätzlich jedoch lerne ich relativ leicht, und es macht noch immer Spaß.