„Er hat uns bereichert“

Menschen / 25.07.2016 • 22:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Gianfranco Rosi gewann mit „Seefeuer“ den Goldenen Bären.
Gianfranco Rosi gewann mit „Seefeuer“ den Goldenen Bären.

Der Film „Seefeuer“ von Gianfranco Rosi läuft am 29. Juli in den heimischen Kinos an.

Wien. (lh) Dass Dokus Sieger von A-Festivals werden, ist eher unwahrscheinlich. Aber Gianfranco Rosi, Jahrgang 1964, gewann heuer mit „Seefeuer“ („Fuoccoammare“) den Goldenen Bären der Berlinale. Für den Mann aus Eritrea, der sein Leben teils in den Vereinigten Staaten, teils in Italien verbrachte, war das nichts unbedingt Neues. Schon im Jahr 2013 hatte er für „Das andere Rom“ in Venedig den Goldenen Löwen kassiert.

Als Sie nach Lampedusa aufbrachen, wollten Sie einen Kurzfilm drehen. Zurückgekommen sind Sie mit einer Langfilmdoku mit sehr persönlicher Handschrift . . .

Rosi: Als ich aufbrach, wusste ich wirklich nicht, dass ich über ein Jahr dort bleiben würde.

Warum haben sich Ihre Pläne so verändert?

Rosi: Einmal durch die Begegnung mit dem Arzt Dr. Pietro Bartolo. Ich hatte eine Bronchitis und kam als Patient zu ihm. Er ist der Mann, der die Flüchtlinge untersucht, wenn sie vom Boot kommen, er kümmert sich um die Kranken und Schwangeren. Wir kamen ins Gespräch, er zeigte mir auf seinem Computer Bilder von 20 Jahren Rettungsarbeit und gab mir einen USB-Stick mit. Den habe ich ihm übrigens zurückgegeben, als der Film fertig war.

Als Sie ankamen, waren gar keine Flüchtlinge da. . .

Rosi: Richtig, denn zu diesem Zeitpunkt musste das Zentrum für Erstaufnahme renoviert werden, es war für Monate geschlossen. So lernte ich die Insel, ihre Menschen und Archetypen zunächst unabhängig von den Bootsflüchtlingen kennen.

Wer außer Dr. Bartolo war noch entscheidend, dass „Seefeuer“ entstand?

Rosi: Der Bub Samuele, den ein Assistent aufgegabelt hatte. Ich fühlte sofort, dass dieser Bub etwas ganz Besonderes war, und so machte ich ihn zur Zentralfigur.

Später haben Sie natürlich auch die Rettungsaktionen miterlebt, verbrachten einen Monat auf der „Cigala Fulgosi“. Nach all den Bildern, die Sie eingefangen haben: Würden Sie „Seefeuer“ als politischen Film bezeichnen?

Rosi: Der Film selbst ist nicht politisch, die Aussage schon. Sie wird zur politischen Frage. Generell mag ich keine Filme mit Fragen und Antworten, ich mochte sie nie. Mir geht es nicht um eigene Statements. Die Leute, die meine Filme sehen, sollen sich selbst etwas fragen und selbst Antworten geben. Ich gebe keine. Auch, weil Filme letztendlich nur kurze Perioden unseres Lebens beleuchten, Realität und ihre Verwandlung zeigen. Denn Geschichte ist immer schneller als unsere Observation.

Was ist Ihr Plus gegenüber anderen Dokumentarfilmern?

Rosi: Unser Kind Samuele ist nicht bloß Kind. Für uns war er ein großes Geschenk. Immer, wenn er an den Set kam, hat er uns bereichert. Er war „bigger than life“, größer als meine Einbildungskraft, größer als die Kamera. Und in diesen Momenten wird etwas zum großen Kino. In der Zeit, in der wir ihn zeigen, erleben wir auch den Schmerz des Heranwachsens.

Denken Sie, dass ein Film wie „Seefeuer“ etwas verändern kann?

Rosi: Nein. Wir sind zwar alle Augenzeugen, die Zuschauer erleben live eine Tragödie mit, murmeln „Arme, arme Leute“, dann schütteln sie sich und alles ist wieder vorbei. Tag um Tag sterben Menschen, aber in Wirklichkeit wird nichts dagegen getan. Oder viel zu wenig.