„Ohne Partner ist man nichts“

Menschen / 29.08.2016 • 22:13 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Francois Cluzet (l.) bezeichnet den Dreh mit seinem Partner Omar Sy als eine der schönsten Zeiten seines Lebens. Foto: AP
Francois Cluzet (l.) bezeichnet den Dreh mit seinem Partner Omar Sy als eine der schönsten Zeiten seines Lebens. Foto: AP

Schauspieler Francois Cluzet über „Ziemlich beste Freunde“, das Davor und das Danach.

München. (VN-lh) Ein hochgeschätzter und exzellenter Schauspieler war er schon immer. Aber seine ganz große Stunde erlebte er erst, als er 60 war. Mit dem Sensationserfolg „Ziemlich beste Freunde“ wurde Francois Cluzet als gelähmter Millionär vor fünf Jahren zum Star. Am 9. September kommt sein neuester Film in unsere Kinos: „Der Landarzt von Chaussy“.

In Frankreich sahen über 20 Millionen Zuschauer „Ziemlich beste Freunde“, die Besucherzahlen des letzten Harry-Potter-Abenteuers wurden dadurch regelrecht zerschmettert. in Österreich gingen weit über 700.000 ins Kino.

Cluzet: Und sogar in Süd­korea brachten wir es auf fünf Millionen.

Haben Sie mitbekommen, dass Sie auf einmal ein Star waren?

Cluzet: Ja; ja und noch einmal ja. Ich war beruflich auf einmal auf einem Gipfel gelandet. Besonders gefreut haben wir uns, weil die französischen Fernsehanstalten, die faktisch alle Filme des Landes sehr wesentlich mitfinanzieren, zunächst erklärt hatten: Diesen Film brauchen wir nicht. Ein Gelähmter und ein Schwarzer, also zwei Außenseiter als Kinohelden – nein, danke!

Wo liegt Ihrer Meinung nach die Wurzel dieses Mega-Erfolges?

Cluzet: Das ist eigentlich ganz einfach erklärt. Der Film erzählt eine wahre Geschichte, voller Geschmack, voller Zärtlichkeit, voller Humor. Das hat mich besonders beeindruckt: Als mein Partner Omar Sy und ich den ehemaligen Pommery-Manager Philippe Pozzo di Borgo, Vorbild für meine Rolle, in Marokko besuchten, führten wir täglich drei Stunden lang Gespräche. Da bestand er vor allem darauf, dass der Film viele komische Elemente haben sollte. Ich wollte viel mehr wissen. Wie ihm nach seinem Unfall zumute war, wie er litt, als er nicht einschlafen konnte, wie er all seine Sorgen überwand. Doch darüber schwieg er sich aus. Er wollte kein Mitleid, sondern man sollte über ihn lachen. Das hat mich sehr bewegt.

Seit „Ziemlich beste Freunde“ können Sie Ihre Rollen nach Belieben auswählen. Wie fiel Ihre Wahl auf den „Landarzt von Chaussy“?

Cluzet: Die Grundfrage des Films ist: Was macht ein Doktor, wenn er plötzlich selbst sehr krank wird? Unser Regisseur Thomas Lilti ist übrigens studierter Arzt, Landärzte sind für ihn Volkshelden. Dennoch ist dieser Berufsstand vom Aussterben bedroht. Unsere Geschichte ist eine Verneigung vor diesen Menschen.

Kennen Sie selbst einen Arzt wie Dr. Jean-Pierre Werner, den Sie hier verkörpern?

Cluzet: Nein; aber ich habe von einem solchen Doktor geträumt. In einer nicht so erfolgreichen Phase meiner Karriere kam ich mir ziemlich unnütz vor, ich überlegte, ob ich nicht Medizin studieren sollte. Und durch diese schöne Rolle kann ich auf einmal Arzt sein. Eine wunderbare Seite dieses Berufs. Man kann alles sein. Ob Schriftsteller, ob Pilot, ob Arzt. Wenngleich jeweils nur für rund zwei Monate.

Sie haben nicht zuletzt in „Ziemlich beste Freunde“ gezeigt, wie sehr Sie die Zuschauer bewegen können?

Cluzet: Vielleicht, weil ich die Charaktere nicht spiele. Sondern ich bemühe mich jedes Mal, diese Figur zu sein.

Sie und Ihr Bruder wuchsen in bescheidenen Verhältnissen auf. Sie waren acht, als Ihre Mutter plötzlich die Familie verließ.

Cluzet: Ja, und sie war eine bildschöne Frau. Unser Vater war verzweifelt und depressiv. Und er verbot uns, zu weinen. Meine Tränen vergoss ich fortan im Stillen. Dann wurde er seltsam, erfand für sich eine adelige Herkunft und sprach immer von höherer Schulbildung. Damals begann ich Lügen zu hassen. Vielleicht schon ein Fingerzeig, dass ich später als Schauspieler immer die Wahrheit erzählen wollte.

Ihre endgültige Berufswahl hatte mit Tränen zu tun?

Cluzet: Ich war elf, als ich Jacques Brel auf der Bühne in „Der Mann von La Mancha“ sah. In einer Szene weinte er. Ich dachte: Der Arme, und seine Eltern lassen das zu? Doch für diese Szene bekam er tosenden Applaus. Da begriff ich, dass er in diesem Moment das Recht hatte, zu weinen – etwas, das mir zu dieser Zeit vollkommen fehlte. Mein Entschluss stand fest: Ja, ich wollte Schauspieler werden, um die Menschen zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Oder Komödiant. Oder Chansonnier. Obwohl mir das Talent fehlte, auch nur ein einziges Chanson zu schreiben. Es wurde, wie Sie wissen, die Schauspielerei.

Wie sehen Sie diesen Beruf heute?

Cluzet: Allein ist man nichts. Man braucht immer einen Partner. Den Blick, den Austausch. Ich glaube nicht, dass man allein spielen kann. Als wir „Ziemlich beste Freunde“ drehten, sah ich meine Aufgabe darin, den Stern meines Partners Omar Sy zum Strahlen zu bringen. Die Partnerschaft mit ihm wurde zu einer der schönsten Zeiten meines Lebens.